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Shaolin Quan | Überblick | Geschichte | Techniken & Methoden | Politisch-Historische Aspekte

Shaolin Quan -

Shaolin Quan - Politisch-Historische Aspekte in der Entstehungsgeschichte

 
Shaolin Quan ist ursprünglich die Kampfkunst der Mönche des Shaolin-Klosters am Fuße des Gebirgszuges Songshan (Provinz Henan). Allerdings steht der Begriff Shaolin Quan nicht für einen definierten Kampfkunststil, heute vielleicht sogar nicht einmal für ein zusammenhängendes Kampfkunst-System.
Historisch gesichert ist, dass das Shaolin Kloster um 500 nach Christus auf kaiserlichen Befehl gegründet wurde, um buddhistische Sutras (Gebetstexte) aus dem Indischen ins Chinesische zu übersetzen. Der Legende nach reiste im 6. Jhd. ein Mönch namens Dhorma (Bodhidharma) zum Shaolin-Kloster und legte dort den Grundstein der Shaolin Kampfkunst. Zum einen etablierte Dhorma die Grundlagen einer neuen buddhistischen Schule im Shaolin-Kloster, die in China als Chen bekannt wurde. Der Chen Buddhismus ist bis heute einer der zehn großen buddhistischen Schulen in China und wurde vom Shaolin-Kloster aus in Asien verbreitet und kulturell angepasst (z.B. in Japan unter dem Namen Zen). Im Chan-Buddhismus, wie in vielen anderen religiösen Traditionen, wurde hier sehr früh am morgen angefangen zu lesen, zu meditieren und zu lernen. Natürlich wurden daher viele Mönche während des Tages unkonzentriert und schläfrig. Darüber hinaus war das Land um das Kloster herum sehr karg und rau, so dass das Mönchsleben insgesamt sehr ermüdend war. Dies brachte Dhorma zum anderen dazu, verschiedenen Gymnastik- und Lockerungsübungen zu entwickeln. Mit Hilfe dieser körperlichen Übungen sollten die Mönche trainieren länger zu meditieren und sich zu konzentrieren.
In einigen Texten werden die „18 Fertigkeiten und 24 Bewegungen des Luohan-Quan“ als die urtümlichsten Shaolin Quan Grundlagen angeführt. Verschiedene Faktoren verhindern jedoch eine klare Rekonstruktion, wie aus den Gymnastikübungen der erste Shaolin-Kampfstil entstand und welche Stile daraus hervorgingen.
Historisch gesehen muss man für die Geschichte des Shaolin Quan drei Aspekte besonders betonen.
Zum einen musste das Shaolin-Kloster sehr früh schon seine wirtschaftlichen und politischen Interessen vertreten. So schickte das Kloster im Jahr 728 (am Beginn der Tang Dynastie) einige Kampfmönche zur Unterstützung des Tang Kaisers (Li Shimin), worauf sie als Dank weitere Privilegien zugestanden bekamen. Daneben musste das Kloster seine Länderein auch gegen Räuber verteidigen, so dass es nicht nur spirituelle, sondern auch ganz pragmatische Gründe für die Mönche gab, einen Kampfstil zu entwickeln. Ob und warum bestimmte Tiere oder Heilige als Vorlage für Kampftechniken herangezogen wurden, hat vermutlich viel mehr praktische Gründe, als rein religiöse.
Ein zweiter wichtiger Aspekt der Kampfkunstgeschichte des Shaolin Quan ist, dass es seit jeher von Militärs und Beamten, aber auch von vielen Straftätern auf der Flucht als Zufluchtstätte benutzt wurde. Da damals selbst Beamte geschult im waffenlosen und bewaffneten Kampf sein mussten, erhielt das Kloster immer neuen Einfluss von Kampfstilen und Kung Fu-Meistern. Somit wurden in den Mauern des Shaolin-Klosters immer verschiedene Kung Fu-Stile trainiert. Sogar bekannte Kung Fu Meister wie Ji Long Feng (siehe: Kurze Geschichte des Xingyi Quan) wurden im Shaolin Kloster als Lehrer angestellt und unterrichteten ihre Kampfkunst, die dann im Shaolin Kloster tradiert wurden (von Ji Long Feng z.B. das Shaolin Xingyi Ba).
Der dritte Aspekt ist, dass das Kloster auf Grund seiner politischen Rolle auch immer Opfer von staatlicher Restriktion war. So lange die Mönche für die politischen Ziele instrumentalisiert werden konnten, wurde das Kloster natürlich gefördert. Ein neutrales Kloster hingegen war insofern bereits eine Gefahr für die staatlichen Kräfte, da es eine kleine schlagfertige Armee besaß, die als Schlupfwinkel von Geflohenen und Abtrünnigen auch eine Keimzelle für mögliche Aufstände werden könnte. Im Laufe der Geschichte wurde das Kloster somit drei Mal niedergebrannt und die Mönche mussten jeweils fliehen. Bei der letzten großen Schlacht am Shaolin-Kloster (1928), wurde sogar ein Großteil der Dokumente, Bücher und Kunstwerke des Klosters vernichtet. Im Zuge der Kulturrevolution 1966 wurde das Kloster dann endgültig geschlossen, die Mönche vertrieben und verfolgt und das Shaolin Quan aus der Öffentlichkeit getilgt. Der authentische Stil überlebte nur teilweise und bei einigen Privatpersonen. Viele vertriebene Mönche wurden von Familien aufgenommen, die als Dank ihren Gönnern Unterricht in Kampfkunst gaben, natürlich nur hinter verschlossenen Türen. Erst nach der cineastischen Darstellung des Shaolin Tempels in Kung Fu-Klassikern wie Shaolin Si („Der Tempel der Shaolin“, Hongkong 1982, mit Jet Li), wurde das Interesse am Kloster und den traditionellen Kampfkünsten von der KP China wieder entdeckt. Das Kloster wurde offiziell wieder geöffnet und es wurden Kampfkunstlehrer aus verschiedenen Bereichen des Landes eingeladen, dort als buddhistische Kampfmönche unterschiedlichste Stile zu unterrichten.
Bis heute haben sich um das Shaolin-Kloster dutzende Kampfkunstschulen angesiedelt, die alle mehr oder weniger Shaolin Quan trainieren. Die meisten authentischen Shaolin-Mönche jedoch zogen sich nach der Liberalisierung der religiösen Vorschriften in die Berge um das Shaolin Kloster zurück und lehren dort eine kleine Schülerschaft.
Diese Faktoren bilden heutzutage das Gesicht des Shaolin Quan. Generell kann man sagen, dass es neben dem „traditionellen Shaolin Quan“ auch ein „modernes Shaolin Quan“ gibt. Wo das ältere auf kämpferische Anwendung und Effizient ausgelegt ist, wird im modernen Shaolin Quan mehr Wert auf athletische und akrobatische Übungen gelegt. In beiden Zweigen gilt aber, dass es nicht „den“ Shaolin Stil gibt. Shaolin Quan präsentiert sich eher wie ein „bunter Nudelsalat“.
Es gibt Substile, bei denen Fünf Tiere trainiert werden, bei anderen gibt es keine Tierformen. Bei Vorführungen der Shaolin Mönche findet man heute auch Formen aus dem Tanglang (Gottesanbeterin), dem Hou Quan (Affen Boxen) und so genannte „harte Qi Gong“ Übungen. Was hiervon wirklich authentisch ist und was nicht ist nicht immer deutlich zu sagen.
In unserem Verein trainieren wir Shaolin Quan in der traditionellen Abzweigung. Traditionell deshalb, weil in unserem Stil keine akrobatischen Übungen enthalten sind und der Aufmerksamkeitsfokus auf der Anwendung und den Kampftechniken (nicht den Formen) liegt. Li Ke Lian kann als der gesicherte Ursprung unseres Shaolin Stils angesehen werden.