. .

Xing Yi Quan | Überblick | Techniken & Methoden | Geschichte

Xingyi Quan - 形意拳

Xingyi Quan -Kurzer geschichtlicher Abriss des Xingyi Quan

 
Xingyi Quan gehört zu den ältesten Kung fu-Stilen Chinas. Seine historische Entwicklung ist ab dem 14. Jhd. relativ gut belegt und im Laufe der Zeit entstand eine kohärente und umfassende Kampfkunsttheorie.
Die Ursprünge dieses Stils liegen allerdings – wie bei den meisten Kampfkünsten – im Bereich der Mythen. Der Legende nach wird die Entwicklung des Xingyi Quan, damals noch Xin Yi Liu He Quan (Herz Geist Sechs Harmonien Boxen) genannt, dem berühmten General Yue Fei (aka. Yue Pong Jü, 1103-1141) zugesprochen, der während der Song Dynastie (960-1279) lebte und über 120 Schlachten gewann. General Yue Fei soll mehrere Kampfstile entwickelt und beeinflusst haben, welche sich alle durch lineare Laufrichtungen und kurze klare Techniken auszeichnen. Für das exerzieren und drillen der Soldaten waren diese Aspekte von herausragender Bedeutung. Darüber hinaus erfand General Yue Fei viele neue Kriegstechniken und Waffen. So setzte er gegen schwer gepanzerte mongolische Pferdeeinheiten besonders lange Säbel (Zhan Ma Dao) und Hakenspeere (Gou Lian Qiang) ein und drängte das mongolische Heer aus China hinaus und bis in ihr Kernland zurück. Bei den Feinden der Song Dynastie soll es damals den Ausspruch gegeben haben, dass es leichter sei einen Berg zu schütteln, als Yues Armee zu erschüttern. Yue Fei wurde jedoch durch seine herausragenden militärischen Erfolge vom damaligen Kaiser als Gefahr angesehen und wurde auf seinen Befehl hin ermordet.
Für die folgenden 600 Jahre gibt es keine gesicherten Aufzeichnungen oder Erwähnungen des Xingyi Quan Kampfkunstsystems. Vermutlich wurden Stile aus der Tradition von Yue Fei nicht öffentlich verbreitet und trainiert, um nicht die Abneigung des kaiserlichen Hofes gegen den in Ungnade gefallenen General und seine Sympathisanten heraufzubeschwören.
Historische gesichert ist allerdings, dass am Ende der Ming Dynastie (1368-1644) in der Provinz Shanxi (Bezirk Yongji) ein Mann namens Ji Long Feng (aka. Ji Ji Ke, 1602-1683) lebte, welcher ein sehr anerkannter Speerkämpfer war und nach seiner Kriegszeit einen waffenlosen Stil entwickelte, der auf seinen Erkenntnissen des Speerkampfes aufbaute. Ji Long Feng war lange Zeit ein unbesiegter Speerkämpfer im Militär und als Untergrundkämpfer gegen das Mandschu Regime aktiv. Als er die Armee verließ suchte er in China einen Kampfkunstmeister, der ihm ein waffenloses System zeigen könne, das es mit seinen Speertechniken aufnehmen würde. Die Geschichte erzählt, dass er bei einer Reise am Berg Zhongnan einen alten exzentrischen taoistischen Mönch getroffen hätte, der ihm einen Hinweis gab, dass es in der Nähe eine Höhle mit einem Schrein für General Yue Fei geben solle. Als Ji Long Feng den Schrein untersuchte, fand er in einer alten Statue des Generals ein Kampfkunstbuch von Yue Fei, in dem neben dem Speerkampf einige waffenlose Techniken beschrieben wurden. Ji Long Feng fragte daraufhin den Mönch, wie er denn aus den Aufzeichnungen den waffenlosen Kampf lernen sollte, worauf der Mönch erwiderte, dass er doch nur seine Speertechniken ohne Waffe ausführen müsste. Nach mehreren Jahren des Studiums und Übens meisterte Ji Long Feng einen neuen waffenlosen Kampfstil.
Seine Reise führte ihn daraufhin zum Shaolin Kloster. Hier erprobte er seine neue Kampfkunst und wurde nachdem er unbesiegt mehrere Vergleichskämpfe gewann, für 10 Jahre als Lehrer dort angestellt. Nach dieser Zeit reiste er weiter durch China, so dass er viele Schüler in mehreren Provinzen hatte und bereits in der Qing Dynastie (1644-1911) wurde Xingyi Quan/Xinyi Quan in den Provinzen Henan, Shanxi und Hebei trainiert.
Die genaue Generationsfolge des Xingyi Quan/Xinyi Quan ist relativ gut belegt und in detaillierten Stammbäumen festgehalten (vgl. z.B. Lu Shengli, 2006). Im Laufe der Zeit wurde der ursprüngliche Stil durch regionale Veränderungen und kulturelle Einflüsse allerdings etwas verändert, so dass neben dem so genannten Xingyi Quan (Form und Intention Boxen) auch ein Xinyi Quan (Herz Intention Boxen), ein Xinyi Liuhe Quan (Form Intention Sechs Harmonien Boxen) und ein Liuhe Quan (Sechs Harmonien Boxen) entstanden. Alle diese Stile kann man jedoch unter dem System des Xingyi Quan/Xinyi Quan (im weiteren Sinne) zusammenfassen, da all diese Stile dieselben Bewegungsprinzipien und Kampftheorie teilen. Eine alternative Systematik orientiert sich an den Provinzen Shanxi, Henan und Hebei, in denen das System trainiert wird. Wenn man das erste Mal die verschiedenen Xingyi-Stile der Provinzen anschaut, wird man vielleicht nicht sofort sehen, dass es sich um das gleiche Kampfkunstsystem handelt. So wird im Shanxi und Hebei Stil sowohl die Fünf Elemente Faustkombinationen, als auch 12 Tierformen geübt. Im Henan Stil jedoch, der von der muslimischen Volksgruppe geprägt ist, werden nur 10 Tierformen trainiert, was dem ursprünglichen Xin Yi Liu He Quan näher steht.
Xingyi Quan wurde in seiner Geschichte nicht nur im familiären und privaten Kreis unterrichtet, sondern auch systematisch in der militärischen Ausbildung gelehrt. Durch seine Effizienz wurde in der Neuzeit z.B. der Bajonett-Kampf des chinesischen Militärs aus dem Xingyi Quan abgeleitet und in Ausbildungsbücher kompensiert. Im zivilen Bereich wird Xingyi Quan heute besonders von Leibwächtern, Sicherheitskräften und Spezialeinheiten in China trainiert, da seine Kampfphilosophie den Anforderungen dieser Berufsgruppen sehr entgegen kommt: „So schnell und so direkt es geht den Kampf beenden und sich dem nächsten stellen.“
Auch wenn Xingyi Quan ursprünglich aus dem Speerkampf abgeleitet wurde und der Speer (Qiang) immer noch die Waffe ist, welche vor allem mit Xingyi assoziiert wird, verfügt das System über ein vollständiges Technikarsenal. Xingyi Dao (Säbel), Xingyi Jian (Schwert/Zweihänder), Xingyi Gun (Langstock), uvm. werden trainiert. Seinem erprobten und umfassenden Technikarsenal verdankt das System auch, dass in Umfragen unter den 10 bekanntesten und anerkanntesten Kämpfern der chinesischen Geschichte sich allein drei Xingyi Meister an vorderen Positionen befinden. (Diese Umfragen wurden mehrmals in verschiedenen chinesischen Kampfsportseiten im Internet durchgeführt).
Innerhalb des Xingyi Systems und der jeweiligen regionalen Varianten, unterteilt man darüber hinaus die jeweiligen Unterstile (Pai). Im Verein „Schwarzer Adler Gelber Drache e.V.“ trainieren wir das Hebei-Xingyi Quan der Familie Shang (Shang Pai), dessen Begründer Shang Yun Xiang (1863-1937) ist, der in der 8. Generation nach Ji Long Feng steht. Eine Besonderheit dieses Stils sind die Einflüsse des Cheng Bagua Zhangs. Der Austausch zwischen Xingyi Quan und Bagua Zhang war seit der Freundschaft von Chen Ting Hua  (siehe „Geschichte des Bagua Zhangs“) und Li Cun Yi (dem Lehrer Shang Yun Xiangs) lebendig. Im Shang Pai trainiert man neben den Fünf Elementen und deren Verbindungen (Lian Huan Quan) 12 Tierformen (siehe „Techniken & Methoden“). Da Shang Yun Xiang ein sehr pragmatischer Mensch war, wird in seiner Tradition nicht über außergewöhnliche und spirituelle Kräfte geredet. Im Training steht primär das fleißiges Üben und saubere Technik im Zentrum, die zu einer klaren deutlichen Kraftentfaltung (Ming Jin) führen.
Der Verein „SAGD e.V.“ ist in Europa sowohl offizieller Vertreter des Hebei Xingyi Quans (Shang Pai), als auch des Henan Xinyi Liuhe Quans nach dem Stil von Meister Lü Rui Fang (1900-1998). Im Training wird somit nicht nur ein Substil gelehrt, sondern ein umfassendes Repertoire des Xingyi Quan Systems.