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Was ist Xing Yi Quan?

Kapitel Eins: Der Vergleich mit dem „Tai Ji Quan“, Teil 1

Vermehrt seit den letzten fünf Jahren haben mich Kung fu-Interessierte immer häufiger gefragt: „Was ist Xing Yi Quan?“. Die Frage kann ich leider nicht so einfach beantworten. Denn wie ist es möglich diesen kompakten und doch umfangreichen Kampfstil in wenigen Worten zu beschreiben?
Damit der Fragende diese Schwierigkeit nachvollziehen kann, habe ich mir in letzter Zeit eine Gegenfrage zurechtgelegt und zwar: „ Können Sie mir kurz zusammenfassend erklären, was der Ballett-Tanz ist?“ Deren Reaktion ist meist ein angestrengter überlegender Blick in mein chinesisches Gesicht. Bald darauf kommt die aufgebende Bemerkung: „Ja, stimmt! Es ist tatsächlich sehr schwierig so etwas Personen aus einem ganz anderen Kulturkreis und anderem Grundwissen zu erklären, besonders, wenn man davon ausgeht, dass sie Ballet vielleicht nie gesehen bzw. erlebt haben.“
Um „Xing Yi Quan“ für Alle leichter vorstellbar zu machen, erwähne ich hier „Tai Ji Quan“ als verwandte Stilgruppe. Viele würden meinen, dass es an sich schon eine sehr gewagte Angelegenheit ist, „Xing Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ zusammen als verwandte Stile zu bezeichnen. Beide gehören zwar wie auch „Ba Gua Zhang“ zu den „Inneren Kampfkünsten“, sehen aber, so könnte man meinen, von den Bewegungen her doch ziemlich unterschiedlich aus. Wie kann zwischen „Xing Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ eine Verwandtschaft vorliegen?
Nach Außen sichtbar sind auffallend zwar Unterschiede zu sehen, aber es gibt wichtige Gemeinsamkeiten, die das Verwandte ausmachen.
Hier müssen wir auf die Definition von verschiedenen „Ähnlichkeiten“ achten. Bei Kampfsportarten können Typen von „Ähnlichkeiten“ auftreten, genauso wie in der Biologie: Homologien und Analogien.
Ich erkläre dies meinen Schülern oft mit Beispielen, wie: Menschen haben von der Natur her (normalerweise) zwei Arme und Beine (diese sind homolog). Daraus resultiert, dass es nicht unendlich viele verschiedene Bewegungsmöglichkeiten gibt. Trotzdem sind nicht alle Bewegungen, die ein Mensch machen kann, auch homolog.
Wenn sich unabhängig voneinander hundert Personen bewegen, werden unausweichlich Gemeinsamkeiten auftreten. Deswegen kann man aber nicht vom gleichen (homologen) Bewegungs-Stil sprechen! Ob Bewegungen homolog oder nur analog sind, hängt von vielen Faktoren ab.
Noch deutlicher wird dies, bei einem Lego-Spiel als Beispiel. Hundert Personen erhalten 10 gleiche Legosteine, woraus jeder für sich etwas baut. Hier werden wegen der begrenzten Möglichkeiten Wiederholungen zu beobachten sein, obwohl sie nicht voneinander abgeguckt haben. Sind nun alle Konstrukte, weil sie durch die Beschränkungen auf 10 Steine gewisse Ähnlichkeiten haben, automatisch homolog?
Es gibt in der Welt unzählbare viele Richtungen von Kampfkünsten. Jede der Stilrichtungen für sich besteht wiederum aus vielen einzelnen Bewegungen. Da bleibt es nicht aus (schon per Zufall) Ähnlichkeiten von Bewegungsprinzipien zu beobachten. Einfach gesagt, es ist durchaus möglich, zwischen zwei beliebigen Stilgruppen Gemeinsamkeiten zu finden. Ich könnte wegen einiger Faustschläge behaupten, „Xing Yi Quan“ sei mit dem westlichen Boxen verwandt. Oder wegen einiger zufällig ähnlicher Kniestöße im „Xing Yi Quan“ und „Thai-Boxen“, seien beide als Schwester-Stile einzuordnen. Genauso wenig sollte man wegen ungewollt gemeinsamer Trittmethoden im „Tai Ji Quan“ und „Taekwondo“, behaupten, dass der eine Stil vom anderen abgeguckt hat oder sogar artgleich sei.
Keiner wird denken, soweit der nicht zu phantasievoll ist, dass „Tai Ji Quan“ eine Piratenware von „Taekwondo“ sei oder umgekehrt.
Das heißt, es gibt eine Menge Ähnlichkeiten, bei denen man fälschlicher Weise Verwandtschaftsbeziehungen zu erkennen glauben kann. Um solche versteckte Fallen (analoge Ähnlichkeiten) klar zu erkennen, gebe ich jetzt das Beispiel eines weit verbreiteten Kampfprinzips: die „Einnahme der Mittellinie“. Bei einigen Kampfkünsten wird oft die „Einnahme der Mittellinie“ betont. Das bedeutet meistens, dass man bei der Verteidigung weder die Position der eigenen Mittellinie noch die des Gegners verlieren und direkt angreifen soll.
Wenn zwei Gruppen das gleiche Kampfprinzip betonen, sind sie dann verwandte (homologe) Gruppen oder nur „ähnliche“ (analoge) Gruppen?
Meiner Meinung nach muss die Antwort lauten: Nein! Nur das gleiche zu sagen reicht überhaupt nicht aus um eine Verwandtschaft zu behaupten!
Kurz gefasst, egal unter welchen Theorien eine Gruppe kämpft – ob man versucht vom Gegner Abstand zu halten z.B. durch Tritte, oder ganz dicht bei Angriffen an den Gegner heran gehen soll – bei Stilen passiert das gleiche, wenn der Gegner dicht heran kommt. Es bleibt meist keine Zeit erst einige Schritte zurückzugehen um nur die Techniken und Angriffsformen anzuwenden, die man stilkonform gelernt hat. Man muss im Nahkampf sich verteidigen. In bestimmten Situationen muss man schnell reagieren. Meist folgt aus dieser Erfahrung zwangsläufig, dass wenn der Gegner dicht heran kommt man eine direkte und kurze Attacke bzw. Widerstand geben muss um die Mittellinie zu beherrschen.
So ein gleiches Verhalten bedeutet deswegen aber nicht, dass es sich um eine verwandte Kampfsportart handelt. Eine gleiche Ähnlichkeit können wir auch bei Fledermäusen und Adlern beobachten, wenn es sich nur um die Bewegung des Fliegens handelt. Ihre „Flügel“ haben die gleiche Funktion, aber sie haben ganz andere Strukturen und evolutionäre Entstehungswege.
Ich hoffe, dass ich Ihnen als Leser(in) anhand dieser Beispiele erklären konnte, um welche passenden, wesentlichen und entscheidenden „Ähnlichkeiten“ es gehen muss, um fachgemäß die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Kampfstilen identifizieren zu können? Das ist eine sehr schwierige Aufgabe und bedarf mehr als das bloße Beobachten von wenigen Techniken.
Zum Glück hat man während der letzten 10 Jahre bei Ausgrabungen in China einige neue Funde über „Chen Tai Ji Quan“ und „Henan Xing Yi Quan (Xin Yi Quan)“ gemacht, die ich hier kurz erwähnen möchte. Das wird hoffentlich unsere Untersuchung etwas erleichtern.
Zu Anfang haben wir schon kurz erläutert, in wie fern man mit der Bezeichnung „Ähnlichkeit“ etwas vorsichtig sein sollte. Jetzt möchte ich darüber sprechen, warum ich „Xing Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ als Vergleichspaar nehmen möchte. Der Grund ist einfach: beide gehören zu den so genannten „Inneren Kampfkünsten“.
Sie können mir sofort die Frage stellen, warum ich von den „Inneren Kampfkünsten“ spreche ohne „Ba Gua Zhang“ zu erwähnen? Was „Ba Gua Zhang“ betrifft, muss ich leider sagen, dass man über seine Theorien, Entstehungsgeschichte usw. viel zu wenig sicheres Wissen hat (und zu viele Mythen und Legenden). Aus den wenigen Informationen über „Ba Gua Zhang“ wage ich an dieser Stelle nicht irgendetwas über seine Verwandtschaftsbeziehungen zu anderen Stilen zu behaupten. Dies wäre zu voreilig und würde teilweise auf irgendwelchen Vermutungen basieren.
An dieser Stelle, liebe Leser(innen), möchte ich erst einmal eine Zwischenfrage stellen. Haben Sie jetzt schon einige Male das Wort „Innere Kampfkünste“ gehört? Was bedeutet es? Wie wurde es Ihnen bisher erklärt?
Die chinesische Bezeichnung für so genannte „Innere Kampfkünste“ ist „Nei Jia Quan“ und tauchte erstmals auf einem Grabstein auf. Sie hatte keine tiefgehende Bedeutung es gab dafür keine spezielle Definition. Das Wort „Nei Jia Quan“ hatte in der frühen chinesischen Literatur nur die Funktion als Gegensatz zum „Shaolin Quan“ zu dienen.
Aus heutiger Sicht bedeutet dies, dass alle Abzweigungen oder Weiterentwicklungen vom „Shaolin Quan“ „Äußere Stile“ sind. „Xing Yi Quan, Ba Gua Zhang und Tai Ji Quan“ die drei großen volkstümlichen Stile hingegen zu den „Inneren Kampfkünste“ gehören.
Sehr wichtig zu wissen ist auch noch, dass so genannte „Innere“ oder „Äußere Kampfkünste“ keine Beurteilungswörter sind! Viele Kung fu-Lernende sehen „Innere Kampfkünste“ wegen des Wortes „Innere“ als wertvoller, tiefsinniger oder philosophischer als „Äußere Stile“ an. Das ist leider völlig missverstanden!!
Nächste wichtige Frage, bevor wir anfangen, „Xing Yi Quan“ mit „Tai Ji Quan“ zu vergleichen, ist: seit wann gibt es das Wort „Nei Jia Quan“, also mit der deutschen Übersetzung „Innere Kampfkünste“?
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