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Was ist Xing Yi Quan?

Kapitel Eins: Der Vergleich mit dem „Tai Ji Quan“, Teil 2

Ohne weitere Begrüßungsworte setzen wir das Thema über die Bedeutung „Nei Jia Quan“ fort.
Wir fangen noch einmal bei der historischen Einordnung an. Seit wann gibt es überhaupt das Wort „Nei Jia Quan“, also das chinesische Wort für „Innere Kampfkünste“? Die Antwort wird wahrscheinlich einige enttäuschen. Den Begriff gibt es nämlich leider erst seit ca. 350 Jahre. Das früheste erste nachweisbare Mal stammt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Dieser früheste Nachweis ist nicht nur sattelfest sondern sprichwörtlich „steinhart“ weil es auf einem Grabstein (von Kampfkünstler Wang Zheng Nan, Gravur von seinem guten Freund und Literaten Huang Zong Xi, *1610-1695È) eingraviert wurde.
Für einige moderne Kampfkünstler muss ein „Innerer Stil“ aber älter und somit bedeutender sein. Gerne werden für diesen Zweck von einigen die mehr als zweitausend Jahre alten Gedanken des Taoismus mit aufgenommen und kurzerhand mit der Kampfkunst assoziiert, in der Hoffnung Kampfkunst so interessanter erscheinen zu lassen, weil sie durch diese Verknüpfung dementsprechend uralt werden konnte.
Sachlich gesehen, reichen aber solche Gedanken nicht aus um einen Kampfstil eine längere Geschichte zu verschaffen. Genauso wenig wenn wir überlegen, seit wann es Flugzeuge gibt. Seit der Steinzeit? Nur weil man damals vielleicht schon die Vögel beim Fliegen beobachtet hat und versuchte die Arme wie sie zu bewegen?
Ur-ur-Schüler haben oft den Drang eine Lehre älter erscheinen zu lassen als sie ist. Dieses Bedürfnis hat die Chen-Familie (des „Chen Pai Tai Ji Quans“) selbst nicht. Chen Tai Ji, so sagt die Familie Chen bescheiden, sei von deren Vorfahren vor etwa 450 Jahren entstanden. Das genügt ihnen. Aber dies erscheint vielen Ur-ur-Schülern zu bedeutungslos. Die Kampfkunst muss nach deren Vorstellung durch Ältermachen von mehreren Tausend Jahren erst richtig Wirkung erzielen.
Kommen wir aber zurück zum Ausgangspunkt unseres Themas: „Xing Yi Quan und Tai Ji Quan könnten miteinander verwandt sein“. Diejenigen, die beides kennen, werden vielleicht so einen Gedanken im ersten Moment als absurd abtun. Sie sehen in „Tai Ji Quan“ eher sanft fließende, im „Xing Yi Quan“ hingegen kräftige Bewegungen. Ich werde Ihnen hier versuchen darzulegen, warum es bei der Äußerlichkeit in den Bewegungen weder auf Unterschiede noch Ähnlichkeiten ankommt um Verwandtschaftsbeziehungen zu garantieren!
Mit folgenden Methoden können wir bestehende Beziehungen zwischen „Xing Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ nachweisen:   
1.      Ähnliche Entstehungszeiten und Entstehungsorte:
Der Entstehungsort von „Tai Ji Quan“ ist, so ist man sich allgemein einig, Chen Jia Gou (eine kleine Stadt im Nordwesten von Henan). Dies kann Familie Chen mit deren gut erhaltenem Familiebuch nachweisen, während viele Andere nicht nachprüfbare Behauptungen aufstellen.
Im Jahr 2002 sowie 2007 hat man aus der Zeit vor etwa 450 Jahren Funde über die Entstehungsgeschichten von „Tai Ji Quan“ und auch von „Xing Yi Quan“ entdeckt. In diesen geht es um drei Cousins; zwei Brüder namens Li und deren Cousin namens Chen, die an einem Ort gemeinsam lernten und anschließend in ihre Heimatorte zurückkehrten. Was jeder anschließend weiter lernte und weitergab, darüber wird viel diskutiert, steht aber nicht vollends fest.
Zeitgleich entstanden in dieser Zeit „Xing Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ – Mitte des 17. Jahrhunderts. Geschichtlich gesehen war zu dieser Zeit China gerade im Begriff eines Dynastiewechsels: von der Ming zur Qing Dynastie. Dies bedeutet aber, dass zu dieser Zeit viele Machtkämpfe statt fanden. Während dieser unruhigen Zeit entwickelten die in hoher Position stehenden drei Cousins Kampfmethoden, die sie auch Untergebenen vermittelten, um ihr Land vor Gegnern zu schützen. So entstanden die Stile „Xin Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ mit dem Ziel gut kämpfen und sich verteidigen zu können. Hier muss ich Sie daran erinnern, dass in dieser Zeit Kämpfe oft an der Tagesordnung standen. Ihre Kampfmethode musste also echten Kämpfen (teils kriegsähnlichen Umständen) angepasst sein, um überleben zu können. Gezielt sinnvolle und schnell anwendbare Techniken waren zum Selbstschutz also lebensrettend und wichtig. Gefährlich wäre es für den einzelnen gewesen, hier mit zeitaufwändigen Gelenkgriffen und irgendwelchen anderen aufwändigen Bewegungsformen anzukommen. Jede unnötige Form hätte ein Risiko bedeutet. Stile, die man erst nach 30 Jahren Training anwenden könnte, wären zwecklos gewesen.
Jetzt verstehen Sie, warum es auf „ähnliche Entstehungszeiten und –orte“ ankommt. Sie nehmen einen großen Einfluss auf den Charakter der Kampfkünste und sind mitentscheidend.
2.      Der gemeinsame Kern – „Yin und Yang“
„Tai Ji Quan“-Liebhabern ist „Yin und Yang“ ein Begriff. Verwunderlich wäre, wenn sie noch nie etwas davon gehört hätten. Aber wenn wir dazu Fragen haben, die mehr in die Tiefe gehen, wie nach der konkreten Bedeutung von „Yin und Yang“-Gedanken in den „Tai Ji Quan“ Bewegungen, dann glaube ich, dass höchstens einige Fortgeschrittenen dies erklären können.
Schneller ersichtlich ist der „Yin und Yang“-Gedanke bei den „Xing Yi Quan“-Bewegungen. Diese sind im ständigen Wechsel von „Yin und Yang“. Auch übende Anfänger verstehen diesen Wechsel schnell zu unterscheiden, weil sein Kern durch klare Bilder, wie zum Beispiel „Adler“ und „Bär“, konkretisiert ist. Solch einen Gedankenkern von „Yin und Yang“ gibt es auch bei „Tai Ji Quan“. Dieser ist hier aber nicht so schnell offensichtlich, weshalb ich auch sagte, dass vermutlich nur die Fortgeschrittenen dies erklären können. Im Detail kann ich hier jedoch nicht auf die Bedeutungen von „Yin und Yang“ im „Tai Ji Quan“ eingehen.
3.      Die magische Zahl „13“
Von Taiji ist Ihnen sicherlich „Ba Men Wu Bu“ (wörtliche Übersetzung: 8 Türen und 5 Schritte) ein Begriff und haben dies vielleicht auch geübt. Interessanterweise gibt es im „Xing Yi Quan“ das so genannte „Wu Xing Ba Shi“ (wörtlich: 5 Elemente und 8 Kräfte)! Sie könnten natürlich meinen, dass alles reine Zufälle seien. Aber hier kommt vieles zusammen. Diese Magische „13“ bedeutet fast identisch im „Xing Yi Quan“ und im „Tai Ji Quan“: 5 Himmelsrichtungen und 8 Möglichkeiten der Kräfte.
4.      Liu He (Sechs Harmonien)
„Xing Yi Quan“ (oder „Xin Yi Quan“, „Xin Yi Liu He Quan“, „Liu He Quan“) legt großen Wert auf die so genannten „Sechs-Harmonien“. Erstaunlicher Weise spricht man bei „Tai Ji Quan“ über exakt die gleichen Sechs-Harmonien. Warum betone ich hier, dass es sich hierbei um die ganz gleichen „Sechs-Harmonien“ handelt?
Ich betone das, weil manche andere Stilrichtungen auch die Formulierung „Sechs-Harmonien“ haben. Aber, liebe Leser(innen), Sie müssen hier aufmerksam sein: die Inhalte von „Liu He“ (den „Sechs-Harmonien“) sind nur bei „XingYi Quan“ und „Tai Ji Quan“ wirklich gleich! Ansonsten sind sie immer verschieden. Im „Shaolin Quan“ kann ich die Bezeichnung für die „Sechs-Harmonien“ akzeptieren, weil sie mit dem Namen eine ganz andere nachvollziehbare und kohärente Bedeutung haben. Aber es gibt einige Stilgruppen, welche die „Sechs-Harmonien“ nachgeahmt haben und damit es nicht ganz zu offensichtlich erscheint, ein wenig abgeändert haben. So wie bei Produktfälschungen von z.B. Adidas Produkte nachgeahmt werden, die dann aber z.B. Dadidas oder so ähnlich heißen. Woran jeder erkennen kann, worauf sich die Ähnlichkeit bezieht.
5.       „Chan Si Jin“ und „Fan Lang Jin“
„Chan Si Jin“ ist für die „Tai Ji Quan“-Übenden ganz sicher nicht fremd. Leider ist es schwierig hierfür eine genaue Übersetzung anzubieten. Ins Deutsche übertragen bedeutet es, dass „Chan Si Jin“ in jeder Bewegungen von „Tai Ji Quan“ enthalten ist. Eine vergleichbare Kraft „Fan Lang Jin“ gibt es bei „Xing Yi Quan“. Ich betone, dass es sich um eine „ähnliche Kraft“ und nicht um eine „gleiche Kraft“ handelt, denn „Fan Lang Jin“ hat eine senkrecht fortlaufende Richtung. Das ist zwar anders als „Chan Si Jin“ im „Tai Ji Quan“, aber dies erklärt gerade die charakteristischen Wirkungsunterschiede zwischen den beiden Stilen.
6.      Fünf-Bögen und Fünf-Faustschläge
Im „Tai Ji Quan“ ist der Körper immer leicht gebogen, also nicht durchgestreckt, weswegen man von 5 Bögen in den Körperformen spricht und von 5 verschiedenen Faustschlägen. Detailliert will ich hier nicht weiter auf das, was alle sowieso schon wissen eingehen. Sie wissen aber vielleicht nicht, dass es so etwas sehr ähnliches auch bei „Xing Yi Quan“ gibt? Wer das auch im „Xing Yi Quan“ kennt, wird den gemeinsamen Ursprung feststellen.
7.       „Neun Wichtige Thesen“ und „Xin Yi Liu He Quan Pu“
Jetzt kommt ein wirklich einschneidender Beweis in unsere Untersuchung. In „Xing Yi Quan“ Kreisen ist, seitdem es „Xing Yi Quan“ überhaupt gibt (d.h. ca. 1650 n. Chr.) ein wichtiges Dokument weit verbreitet: „心意六合拳“, das „Xin Yi Liu He Quan Pu“ (übersetzt in etwa: Herz-Intention-Sechs-Harmonien-Faustkampf Manual). Es ist zwar bis heute nicht erwiesen, wer der Verfasser ist oder wann genau das Buch herausgegeben wurde, aber jeder traditionelle „XingYi Quan“ Trainierende kennt es.
In dieser wichtigen Literatur gibt es 3 Teile (Kapitel). Das erste Kapitel beinhaltet „Neun Wichtige Thesen“. Interessant hierbei ist, dass Teile dieser „Neun Wichtigen Thesen“ auch in verschiedener „Tai Ji Quan“-Literatur fast identisch vorkommen! Noch bemerkenswerter ist: bei einigen der Zhaobao-„Tai Ji Quan“-Literatur taucht erstaunlicher Weise sogar ein Satz des zweiten Kapitels des „Xin Yi Liu He Quan Pu“ identisch auf.
Was für ein Satz ist das? Warum bin ich hierbei so begeistert und aufgeregt? Dieser Satz ist mir so wichtig, weil er meine Aussage bestätigt. Und zwar steht dort im „Tai Ji Quan“-Text folgender Satz: (wörtlich übersetzt) „der Name dieser Kampfkunst ist „Xin Yi“ und...“ (vgl. Textfragmente aus dem Xin Yi Liu He Quan Pu). Sehen Sie, so ein Satz befindet sich in der „Tai Ji Quan“-Literatur. Das ist doch interessant, nicht wahr?
Im Jahr 2006 haben chinesische Wushu-Historiker eine Familie in einer kleinen Stadt, im Nordwesten Henans besucht. Deren Literatur ist anscheinend eine noch ältere Version der „Neun Wichtige Thesen“(濟源本), aber die genaue Datierung ist bis heute nicht endgültig bewiesen. Durch die Nachforschungen der Historiker wurden diese Texte historisch erschlossen. Diese vermutlich noch ältere Version der „Neun Wichtigen Thesen“ könnte uns helfen, die Frage nach den Verwandtschaftbeziehungen zwischen „Xing Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ noch tief greifender zu lösen. Auf dieses Thema werde ich jetzt aber nicht weiter im Detail eingehen. Vielleicht werden demnächst noch mehr seriöse Beweise gefunden. Dann wird es noch mehr Spaß machen darüber zu sprechen, weil es dann für alle eindeutig und nachvollziehbar ist. Mit Hilfe solcher Funde muss man dann hoffentlich nicht mehr über unsichere Quellen streiten.
8.      Äußerliche Ähnlichkeiten
Zu Beginn meines Artikels ging es darum, dass äußerliche Ähnlichkeiten nicht unbedingt ausschlaggebend für generische Gemeinsamkeiten (Homologien) sind. Das heißt, äußerliche Ähnlichkeiten könnten Homologien, aber natürlich auch Analogien sein. Nachdem ich einige tief liegenden Gemeinsamkeiten zwischen „Xing Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ aufgelistet habe, könnte man zwangsläufig folgern, dass es sicherlich auch Bewegungen selbst geben sollte, die Ähnlichkeiten sinnvoll aufweisen und die Verwandtschaftsverhältnisse bestätigen.
Und wie nicht anders zu erwarten, dies ist der Fall. Es gibt einige Techniken und Bewegungen, die im „Tai Ji Quan“ und „Xing Yi Quan“ sich ähneln und zwar eine ganze Reihe! Betrachten wir die vier Markenzeichenbewegungen „Lan Que Wei“ (übersetzt in etwa: Vogelschweif streichen) aus dem „Yang-Tai Ji Quan“: Davon gibt es drei die den folgenden Bewegungen aus „Xing Yi Quan“ entsprechen („Yang-Tai Ji Quan“ Technik – „Xing Yi Quan“ Technik):
1. „Peng“              – „Guo Heng“ aus dem „Long Xing“ (Drachenform),
2. „Lü“ & „Ji“         – „Yao Shan Ba“ aus dem „Ji Xing“ (Hühnerform),
3. „An“                 – „Shuang Ba“ aus dem „Hu Xing“ (Tigerform).
Diesen Artikel über den Vergleich der Ähnlichkeiten zwischen „Xing Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ möchte ich nun beenden. Nun verstehen Sie, warum „Xing Yi Quan“ und „Tai Ji Quan“ – zwei der effektivsten Kampfkünste Chinas – einen sehr engen Bezug zu einander haben. „Xing Yi Quan“, das aus drei verschiedenen Stilen, nämlich „Shanxi Dai Shi – Xin Yi Quan“, „Hebei-Xing Yi Quan“ und „Henan-Xin Yi Liu He Quan“ besteht, gewinnt inzwischen in Deutschland und Europa immer größeres Interesse; vor allem das „Hebei-Xing Yi Quan“. Im Vergleich zu China, wo es als eine sehr renomierte Abzweigung angesehen wird, ist es hier in Deutschland  noch verhältnismäßig unbekannt.
Demnächst werde ich eine detailliertere Darstellung des „Hebei-Xing Yi Quan“ auf dieser Homepage veröffentlichen. Aber bereits jetzt hoffe ich, liebe Leser(innen), Ihre Neugierde auf „Xing Yi Quan“ schon so weit geweckt zu haben, dass Sie direkt  mehr über „Xing Yi Quan“ erfahren möchten.

  Daher lade ich Sie herzlich ein den folgenden Artikel zu lesen: Eine Kampfkunst mit verschiedenen Namen >>>