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Was ist Xing Yi Quan?

Kapitel Zwei: Eine Kampfkunst mit verschiedenen Namen 

In den bisherigen Artikeln treffen Sie die Bezeichnungen „Xing Yi Quan“, „Xin Yi Quan“ und manchmal „Xin Yi Liu He Quan“ an, was Sie sicherlich ein bisschen verwirrt und Sie werden sich vielleicht fragen, ob es sich um eine falsche Schreibweisen handelt. Je nachdem, wie die einzelnen Bewegungen variieren (sich unterscheiden), verwende ich die passenden Namen der unterschiedlichen Abzweigungen von „Xin(g) Yi Quan“.
 
Folgende vier Personen sollten Sie bei Xin(g) Yi Quan auf jeden Fall kennen: Ji Jike, Ma Xue Li, Dai Long Bang und Li Nengran.
 
Über die vielen Stilrichtungen der unterschiedlichen Kampfkünste gibt es oft, sowohl über deren Entstehung, als auch über deren Weiterentwicklungen interessante Geschichten. Legendäre Geschichten sind meistens auch dabei. So auch bei Xin(g) Yi Quan.
 
Wie bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt wurde, wird oft Generals Yue Fei erwähnt als der Entwickler von „Xing Yi Quan“ benannt, was aber nicht erwiesen ist.
Ji Long Feng jedoch dürfen wir auf keinem Fall übersehen. Ji Long Feng (auch bekannt als Ji Jike, 1602-1683) ist bis heute der erste durch alle Abzweigungen anerkannte und historisch beweisbare Entwickler der Kampfkunst „Liu He Quan“. So lautet die ursprüngliche Bezeichnung von Xing Yi Quan, die aus der Lanzenkampfkunst „Liu He Da Qiang“ entstand. Ohne Lanze heißt diese Weiterentwicklung dann „Liu He Quan“. Der Name „Liu He“ bedeutet auf Deutsch „Sechs Harmonien“: 心 (Xin) 與意 (Yi) 合、意 (Yi) 與氣 (Qi) 合....usw. Ursprünglich gibt es bei „Liu He“ auch noch eine weitere Bedeutung, die bei dieser Art von Kampfkunst in jeder Bewegung oder in jedem stillen Stand sechs Gedanken von Bildern, Geräusch bzw. Bewegung vereint: 
  1. die Beine eines Huhns,
  2. den Körper eines Drachen,
  3. die Arme eines Bären,
  4. die Krallen eines Adlers,
  5. Donnerlaute und
  6. „Tiger umarmt den Kopf“.
 
Damit der Artikel eine überschaubare Länge behält, werde ich nicht weiter in die Details eingehen.
Haben Sie es bemerkt? Die sogenannten Sechs-Harmonien beginnen mit den Wörtern „Xin“ und „Yi“. Daher wird in der Literatur „Einführung ins Xin Yi Liu He Quan“ (心意六合拳序) für „Xin Yi Liu He Quan“ die abgekürzte Bezeichnung „Xin Yi Quan“) gebraucht und dies hat sich mittlerweile durchgesetzt. Daher ist also heutzutage nur noch selten die Bezeichnung „Liu He Quan“ oder „Xin Yi Liu He Quan“ zu finden.
 
Der Werdengang von „Liu He Quan“ bis zum „Xin Yi Liu He Quan“ und „Xin Yi Quan“ hat sich bestimmt nicht urplötzlich vollzogen. Der Autor von der „Einführung ins Xin Yi Liu He Quan“ war angeblich Dai Long Bang. Er war zu dieser Zeit bei Ma Xue Li zu Besuch.
Bevor ich weiter erzähle, gebe ich hier zuerst noch einige weitere Daten zu den Personen: Ji Long Feng wurde 1602 geboren und starb 1683. Ma Xue Li, geboren 1714, gestorben 1790, und Dai Long Bang, geboren 1713 und gestorben 1803, waren in etwa gleich alt.
Wenn wir sagen, dass Ji Long Feng der Entwickler vom Xin Yi Quan war, wer sind dann Ma Xue Li und wer Dai Long Bang?
Ma Xue Li und Dai Long Bang sind zwei wichtige Persönlichkeiten, die direkt nach Ji Long Feng in der XinYi-Geschichte stehen.
 
Anhand der Daten dieser drei Persönlichkeiten können wir erkennen, dass zwischen Ji Long Feng und den anderen beiden (Ma und Dai) mindestens zwei Generationen von Lehrer-Schüler-Beziehungen liegen. Das heißt, die Weiterentwicklung geschah während dieser zwei Generationen bisher nicht rekonstruierbar.
 
Ma Xue Li (1714 - 1790) ist eine sehr entscheidende Persönlichkeit in der Verbreitung und Weiterentwicklung von „Xin Yi Liu He Quan“. Besonders erwähnenswert ist, dass Ma Xue Li der erste sicher nachweisbare Meister dieser Kampfkunst nach dem Entwickler Ji long Feng ist. Durch den Meister Ma Xue Li ist diese neue Kampfkunst „Xin Yi Liu He Quan“ bekannt geworden und ist bis heute eine der vier großen chinesischen Kampfkunstrichtungen: Xing Yi Quan, Ba Gua Zhang, Taiji Quan und Shao Lin Quan.
In der Zeit von Meister Ma hat der Name „Xin Yi Liu He Quan“ sich durchgesetzt. Man erzählte sich, dass sich Meister Ma mit einem Leibwächter eines Füsten in dem Gebiet Luo Yang (Henan) gemessen und ihn eindrucksvoll besiegt habe. Der Fürst wollte daraufhin wissen: „Was für eine Kampfkunst ist das? Warum haben Sie bei dem Kämpfen immer komisch geschrien?“ Meister Ma antwortete: „Das ist „Xin Yi Liu He Quan“, und die Schreie sind nicht komisch, sondern bedeuten „Donnerlaute“! Ob das es wirklich auf diese Weise ganz genau passierte, ist nicht ausschlaggebend. Wichtig für uns ist aber, dadurch zu erfahren, dass diese Kampfkunst während dieser Zeit noch ziemlich unbekannt und unüblich war.
Diese Kampfkunst wurde in der nachfolgenden Zeit erst durch folgende drei berühmten Schülern von Meister Ma bekannt: Zhang Zhi Cheng, Ma Xing und Ma Sanyuan. Durch diese drei herausragenden Schüler hat sich diese Kunst in der ganzen Provinz Henan verbreitet. Bevor wir darüber weiter sprechen, kommen wir auf die bereits oben erwähnte zweite wichtige Persönlichkeit zurück.
 
Dai Long Bang (1713 - 1803) ist eine sehr wichtige Person in der Geschichte "Xin(g) Yi Quans". Es gibt keinen, der weder an seiner Existenz noch an seinem Beitrag zweifelt, dennoch bleibt umstritten, bei wem und wann genau er Xin Yi gelernt hat! Man nimmt an, dass Dai Long Bang und Ma Xue Li sich kannten, aber ob Dai Long Bang auch bei Ma Xue Li gelernt hat, steht nicht fest. Auch ist sein Geburts- und Sterbedatum nicht mit Sicherheit erwiesen. Manche Wushu-Historiker bezweifeln die Daten von 1713 – 1803, weil Ungereimtheiten bei der Zeitenberechnung bestehen.
Auf diesen Umstand ist man durch die Person Li Zhen (ca. 1790 – ca.1875) gekommen. Warum erwähne ich plötzlich die bis jetzt noch fremde Person? Weil die zwei Söhne von Dai Long Bang bei Li Zhen „Xin Yi Liu He Quan“ gelernt haben. Li Zhen aber gilt als so genannter „Enkelschüler“, also Schüler´s Schüler von Ma Xue Li! Aus dieser Sicht muss Dai Long Bang zwei Generationen später als Ma Xue Li gelebt haben. Außerdem lebte Ma Xue Li weit entfernt von Dai Long Bang. Ma Xue Li lebte in Luo Yang, in der Provinz Henan aber Dai Long Bang und seine Kinder lebten wie auch Li Zhen in der Nanyang-Gegend, Provinz Henan. Man weiß aber nicht genau seit wann sie dort lebten. Auf jeden Fall sind seine Söhne dort aufgewachsen und lernten dort bei Li Zhen. Auch weiß man, dass in späterer Zeit die Familie Dai (einer der Söhne war inzwischen verstorben) von Henan zurück in deren alte Heimatprovinz Shanxi umgezogen sind, weil dort „Xin Yi Quan“ von ihnen weiter entwickelt und verbreitet wurde. Später hieß deren mit eigenen Besonderheiten weiterentwickeltes Kampfkusntsystem „Dai Shi Xin Yi Quan“ (auf Deutsch, Xin Yi Quan nach Familie Dai).
Es geht nicht ganz eindeutig hervor, bei wem Dai Long Bang gelernt hat. Was ich aber aus heutiger Sicht nicht so wichtig finde, denn es liegt ja mindestens 150 Jahre zurück. Wichtiger finde ich, dass die Familie sich ernsthaft bemüht, ihr mit Besonderheiten weiterentwickeltes und gutes „Xin Yi Quan“ zu erhalten und weiterzugeben.
 
Bis jetzt habe ich in diesem Artikel nur die Bezeichnung „Xin Yi“, ohne „g“ geschrieben, benutzt. Die Bezeichnung „Xing Yi“ also mit „g“ geschrieben erscheint erst ab dem Meister Li Nengran (ca. 1808 - 1890)! Er wollte zu seiner Zeit unbedingt bei der berühmten Familie Dai lernen, wofür er seine Heimat Provinz Hebei verlassen hatte und zu ihnen zur Provinz Shanxi kam. Mindestens 10 Jahre lang blieb Li Nengran bei der Familie Dai! Darüber, wie er von ihnen aufgenommen wurde, dort lebte und später selbst einige gute Schüler hatte usw. wird viel erzählt. Diese Geschichten sind sehr bekannt, daher werde ich diese hier nicht wiederholen.
Aber warum sagt man seit Li Nengran „Xing Yi Quan“? Das möchte ich hier noch nicht endgültig erläutern, denn darüber gibt es verschiedene nicht erwiesene Meinungen.
Manche erklären es so, dass „Xing“ äußerliche Formen und „Yi“ innerer Wille oder Gedanke bedeutet. Durch diese Formulierung könnte also deutlich gemacht werden, dass es sowohl um äußere, als auch um innere Aspekte im Training ankommt. Mit dieser Bezeichnung würde in dieser Kampfkunst noch mehr abgedeckt als mit den Bezeichnungen „Xin“ Herz und „Yi“ innerer Wille oder Gedanke.
Viele meinen sogar, dass es sich eigentlich nur um eine andere Aussprache handele, die auf Grund verschiedener lokaler Dialekte entstanden ist, eigentlich also keine Bedeutungsänderung vorliegt.
Ob nun Bedeutungsänderung oder nur eine andere Aussprache, die Abänderung hat erstaunlicherweise keine große Aufregung innerhalb des damaligen Kampfkunstkreises verursacht.
 
Außer diesen bis jetzt 5 vorgestellten Bezeichnungen: „Liu He Quan“, „Xin Yi Quan“, „Xin Yi Liu He Quan“, „Dai Shi Xin Yi Quan“ und „Xing Yi Quan“, gibt es noch weitere, die aber Untergruppen der bisher angeführten Stile sind, weswegen ich sie nicht erwähne.
Kommen wir zurück zu Li Nengran der seine Heimatprovinz Hebei verlassen hatte um bei der Familie Dai zu lernen. Erst nach mehr als 10 Jahren bei ihnen kehrte er wieder in seine Heimat zurück. „Xing Yi Quan“ hatte sich seitdem in der Provinz Hebei schnell und weit verbreitet. Aber auch in der Provinz Shanxi, wie ich bereits erzählte, wo er vorher lebte. Dort hatte er gute Schüler (z.B. Che Yi Zhai, Song Shi Rong u.a.). Sie trugen auch zur Verbreitung der veränderten Kampfkunst mit der Bezeichnung „Xing Yi Quan“, also mit „g“, bei und entwickelten es sogar noch theoretisch und technisch weiter. Nur unter Li Nengran wurde es als „Xing Yi Quan“ mit „g“ weitergegeben. Bei allen anderen hieß es „Xin Yi Quan“, also ohne „g“, und wie gesagt, störte man sich nicht an diesen Unterschied. Manche hörten ihn vielleicht auch garnicht, weil sie in ihrer Aussprache, je nach Provinz, keinen Unterschied heraushörten. Und abgesehen davon ist der Bedeutungsunterschied gering.
 
Um die Stile genauer und detaillierter unterscheiden zu können, heißt der „Xing Yi Quan“Stil von Li Nengran in Hebei (Hebei Xing Yi Quan) und der weiterentwickelte und weitergegebene von seinen Schülern in Shanxi heißt dementsprechend „Shanxi Xing Yi Quan“.
 
Hier mache ich eine kurze Zusammenfassung über die heute geläufigen Namen des Ursprünglichen „Liu He Quan“ von Ji Long Feng:
 
(1)   „Xin Yi Liu He Quan“: Von Ma Xue Li, Hauptverbreitung in der Henan-Provinz Daher nach der Provinz benannt: „Henan Xing Yi Quan“, außerdem auch in Anhui, Shanghai usw., wo sie es dann „Xin Yi Liu He Quan“ nennen.
(2)   „Dai Shi Xin Yi Quan“ : hauptsächlich in Shanxi
(3)   „Hebei Xing Yi Quan“ : Sie ist die größte Abzweigung und ist fast in ganz China vertreten
(4)   „Shanxi Xing Yi Quan“ : hauptsächlich in Nordchina verbreitet
 
Interessant ist zu beobachten, dass die ursprüngliche ältere Form „Xin Yi Liu He Quan“ nach der Provinz Henan benannt, seit Kurzem mit „g“ geschrieben wird: „Henan Xing Yi Quan“. Hier erkennt man den starken Einfluss des am meisten verbreiteten „Hebei Xing Yi Quan“. Das „g“ ist gedankenlos übernommen worden, und zeigt gleichzeitig, dass dies unter Chinesen nicht so genau genommen wird. Hier in Deutschland ist man interessanter Weise viel mehr bemüht Unterschiede darin zu analysieren.
 
 
 
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