. .

Was ist Xing Yi Quan?

 

Kapitel Drei: Die Vier Bilder ("Si Xiang") und die Sechs Künste ("Liu Yi") 

Hier sind zwei alte Fotos; links ein Bild von dem Großmeister Lü Ruifang (mit Einverständnis seine Tochter Meisterin Lü Yan Zhi)Meister Sun Lu Tang im San Ti Shi und Meister Lü Ruifang in San Ti Shirechts eine alte Photografie von dem Großmeister Sun Lutang aus seinem eigenem Buch („XingYiQuanXue“, Sun Lutang (1915), Taiwu 2. Aufl., Taiwan, 1971). Warum stelle ich plötzlich diese zwei Fotos zusammen? Was möchte ich durch die alten Fotos zeigen und erklären?

In einem vorherigen Artikel haben wir schon über die Verwandtschaftsbeziehung zwischen „Xin Yi Liu He Quan (= Henan Xing Yi Quan)“ und „Xing Yi Quan (= Hebei Xing Xi Quan)“ gesprochen (Anmerkung: Henan bezeichnet ein südliches Gebiet von dem Gelben Fluß; Hebei bezeichnet ein Provinz nördlich vom Gelben Fluß). Wenn Sie die Beziehungen zwischen den beiden Gruppen schon verstehen, dann können Sie klar erkennen, liebe LeserIinnen, dass die zwei Großmeister den gleichen Stand – das im "Xing Yi" berühmte "San Ti Shi" – darstellen.

Bezüglich der zwei oben stehenden absolut klassischen Fotos brauchen wir nicht über die Unterschiede zu reden, denn Verwandtschaftsbeziehungen entscheiden sich nicht durch äußerliche Unterschiede sondern Ähnlichkeiten und zwar Homologien. Wenn Sie den Artikel über die verschiedenen Namen von „Xing Yi Quan“ auf unserer Homepage gelesen haben, können Sie schon vermuten, dass das San Ti Shi von dem Großmeister Lü (oben links, "Xin Yi Liu He Quan") etwas ursprünglicher als das von dem Großmeister Sun (oben rechts, "Hebei-Xing Yi Quan") sein wird. Hier meine ich mit „ursprünglich“ rein zeitlich, nicht bewertend. 

Das „San Ti Shi“

Jetzt möchte ich kurz generell über „San Ti Shi“ sprechen. „San Ti Shi“ (= Drei-Körper-Stand) ist heute eine Markenzeichenfigur und fast (nur fast!) die einzige Standfigur von Hebei Xing Yi Quan (und Shanxi Xing Yi Quan) geworden. Diese Situation ist bei „Xin Yi Liu He Quan“ noch nicht so deutlich geprägt. Und der Name des Standes „San Ti Shi“ macht zwischen den Stilen auch einige kleine Unterschiede: „San Ti Shi“ beim Xing Yi hat einen anderen Namen „San Cai Shi“ (hier „C“ ausgesprochen wie „Ts“), aber „San Ti“ und „San Cai“ haben eigentlich gleiche Bedeutungen. Drei-Körper meint: Sonne-Mond-Stern, Himmel-Erde-Menschen oder Oben (Kopf und Arme)-Mitte (Rumpf)-Unten (Beine). Das „San Ti Shi“ im „Xin Yi Liu He Quan“ hat mehrere Namen: „Liu He Shi“, „Qin Pu Zhan“, „San Ti Shi“ und „San Cai Shi“. Was Sie hier beachten sollten ist, dass hier auch wieder das „Liu He“ (Sechs-Harmonien) wieder auftaucht!

„Liu He“ habe ich schon so oft erwähnt, dass Sie daraus bereits folgern können, wie wichtig es ist! „Liu He Shi“ oder „San Ti Shi“ stellt einen Anfangsstand dar. Soweit man sich gedanklich oder körperlich bewegt, steigern sich die taoistisch philosophischen Stufen des Entwicklungszustands. Was meine ich damit?

Sie kennen natürlich das zwei-polige System“ im „Tai Ji Quan“: Wu Ji (Nichts) – Tai Ji – Liang Yi (die beiden Pole: Yin und Yang). Eine Kampfkunst mit solchen Prinzipien, egal was für eine, wird nicht aus „ruhigen Figuren“ bestehen, sondern aus dynamischen „Bewegungen“. Es kommt auf die Bewegungen von einem bestimmten Stand zu einem anderen an, daran erkennt man den Charakter und wesentlichen Inhalt einer Kampfkunst.

So ist es auch bei Xing Yi Quan! Wir beginnen mit dem „San Ti Shi“. In dieser gedanklichen Vorbereitung bewegen wir uns bereits mental - (1) zuerst in den Vier-Bildern, welche dann übergehen in die körperlichen (2) Sechs-Künste, die dadurch sofort gemeinsam und zeitgleich harmonisierend zur Wirkung kommen. Daher heißt „San Ti Shi“ auch „Liu He Shi“ (sechs Harmonien).

Was bedeutet „Si Xiang“ (Vier-Bilder)?

Das "San Ti Shi", eine äußerlich stille Standübung, wird durch gedankliche Veränderungen zu einer Kampfstellung; das heißt, von einem neutralen Zustand geht sie zu einer bewussten „Ich“-Situation über. Mit dem Vorgang kommen Vier-Bilder zum Vorschein (s. Fotos)

  1. Ji Tui (雞腿,wörtlich Hühnerbein, d.h. Beinbewegungen des Huhns)
  2. Long Shen (龍身,Drachenkörper)
  3. Xiong Bang (熊膀,Bärenschulter) und
  4. Hou Xiang (猴相,Affenaussehen).

Was ist mit diesen Bildern gemeint?

Ji Tui (Hühnerbeine):Damit ist gemeint, dass beide Beine in kein einzigem Moment ausgestreckt sind (wie es bei Hühnern zu sehen ist)

Long Shen (Drachenkörper): Einen Drachen haben Sie ganz sicher noch nie gesehen. Deswegen schlage ich Ihnen vor, sich einen kraftvollen und zugleich geschmeidigen Körper einer Schlange oder Krokodil vorzustellen. Mit Long Shen ist gemeint, dass sich der Rumpf oder Torso sich geschmeidig drehen und winden soll wie z.B. bei einem Krokodil.

Xiong Bang (Bärenschulter): Dieses Bild ist zwar leicht zu erklären aber nicht in wenigen Zeilen. Daher denken Sie sich am einfach vorerst an die Punkte bei den Armen, Schultern, im Nacken, am Kopf, auf die man beim Tai Ji Quan Üben achten soll. Dies ist vermutlich für die meisten eingängig.

Hou Xiang (Affenaussehen): Viel zu erklären ist hier unnötig, weil Sie es an den Fotos sofort erkennen können, was hiermit gemeint ist.
 

Was bedeutet „Liu Yi“ (Sechs-Künste)?

 

Bei „Xin Yi Liu He Quan“ („Xing Yi Quan“) sind „Liu Yi“ sehr wichtige Gedanken –  eigentlich nicht Gedanken, sondern eher Leitfäden. Soweit man sich bewegt, bzw. man in Begriff ist sich nach „Xing Yi“-Prinzipien zu bewegen, sollte dies nachdemLeitfaden von „Liu Yi“ sein :

  1. Ji Tui (雞腿,Hühnerbeine),
  2. Long Shen (龍身,Drachenkörper),
  3. Xiong Bang (熊膀,Bärenschulter),
  4. Ying Zhao (鷹爪,Adlerkralle),
  5. Hu Bao Tou (虎抱頭,Tiger umklammert den Kopf) und
  6. Lei Sheng (雷聲,Donnerlaute).
     

Long Shen (s. o.)
Xiong Bang (s. o.)
Ji Tui (s. o.)

Wie Sie sehen, die Inhalte von „Liu Yi“ und „Si Xiang“ wiederholen sich zum Teil. Drei von den „Si Xiang“ (Vier-Bilder) kommen wieder in den „Liu Yi“ (Sechs-Künste) vor, wobei das eine den statischen Zustand behandelt und regelt, während das andere den dynamischen Zustand beschreibt. Auf Ji Tui (Hühnerbeine), Long Shen (Drachenkörper), Xiong Bang (BärenSchulter) brauche ich nicht noch einmal einzugehen, möchte Sie aber daran erinnern, dass es sich jetzt hier um den dynamischen Zustand handelt. Zum Beispiel im „Ji Tui (Hühnerbeine)“: Hier kommt es jetzt nicht nur darauf an, dass die Beine ständig angewinkelt bleiben sollen, sondern hier muss man zusätzlich noch darauf achten wie die Hühner laufen.

Ying Zhao (Adlerkralle): Hiermit ist nicht nur die Kralle an sich gemeint, sondern auch wozu sie dient! Sehen Sie hierzu ganz oben die zwei Fotos von den beiden Großmeistern an. Betrachten wir die Hände vom Großmeister Lü Ruifang (oben links). Wem ähneln seine vorm Körper locker hängende Hände? Sie könnten ziemlich gut den Krallen eines fliegenden Adlers, der sein Beutetier sucht, ähneln.

Nun stellen Sie sich weiter vor: dieser Adler entdeckt ein kleines Tier, das er ergreifen will. Wie geht er vor? Zielgenauer Sturzflug auf seine Beute, die Krallen vorbereitet um es zu ergreifen, präzises Zupacken (siehe Foto oben rechts: die Hände vom Großmeister Sun Lutang). Diese Beschreibung entspringt weder meiner Phantasie noch einer tiefsinnigen psychologischen Deutung, um „Xin Yi Liu He Quan“ („Xing Yi Quan“) interessant zu machen, sondern erfolgt aus den Kerngedanken und prinzipiellen Techniken von „Xin Yi Liu He“ („XingYi“).

Daher ist heute das „San Ti Shi“ fast als einzige Standardübung in dieser Kampfkunst übrig geblieben. Beim „Hebei-Xing Yi Quan“ gibt es die sehr bekannte Untergruppe „Shang Pai Xing Yi“ (Xing Yi nach dem Großmeister Shang Yun Xiang), bei dieser Untergruppe bezeichnet man die dynamische „San Ti Shi“-Übung als „Ying Zhao“ (= der Adler fängt), womit die Wichtigkeit von Ying Zhao noch erhöht wird. Auch bei dem „Xin Yi Liu He“ („Henan-Xing Yi Quan“) ist durch den Begriff „der Adler fängt“ eine der vier wichtigsten Grundtechniken erwähnt.

Hu Bao Tou (Tiger umklammert den Kopf): Diese Bewegung in Worten zu erklären ist sehr schwierig. Ein Tiger umfasst einen Kopf? Den Tiger kann man sich ja noch vorstellen, aber wessen Kopf umfasst er? Den eigenen? Den des  Gegners? Beides ist möglich.

Tiger beobachten Sie vermutlich, wenn überhaupt, eher selten. Katzen schon eher. Sicherlich haben Sie dann auch schon einmal beobachtet, wie sie spielerisch miteinander „kämpfend“, ihre Tatzen benutzen. Ihre Tatzen um den eigenen Kopf oder um den des anderen bewegen. Solche Bewegungen sind mit „Hu Bao Tou“ (Tiger umklammert den Kopf) im Allgemeinen gemeint.

„Lei Sheng“ (Donnerlaute): Was ist hier mit „Donnerlauten“ gemeint? Bis zum heutigen Tag sind leider nur noch Vermutungen übrig geblieben. Im „Heibei-Xing Yi Quan“ kommen sie eigentlich im Anbeginn gar nicht vor. Der Urlehrer des "Hebei-Xing Yi Quans", Li Neng Ran, empfand nämlich Laute bzw. Schreie, die während der Übungen ausgestoßen werden als vulgär und zu grob.Als ein Schüler des „Heibei-Xing Yi Quan“ weiß ich von der Existenz des Begriffs „Lei Sheng“ (Donnerlaute) auch nur aus verschiedener Literatur und Erzählungen. Im „Henan-Xin Yi Liu He“ und bei „Shanxi-Dai Shi Xin Yi“ gibt es bis heute noch so genannte „Donnernlaute“, aber weil ich sie selber nicht gut kenne, kann ich nicht beurteilen, wie und wer besser richtig geschrienen hat.