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Grundlagenübungen

ein Text von Serghei Glinca (Juni 2012)

Ein stabiles Haus braucht ein Fundament, ein seriöser Kampfkünstler braucht ebenfalls eine gute Basis. Um eine Basis schaffen zu können, gibt es sogenannte Grundlagenübungen, deren Essenz  durch aufmerksames Üben zugänglich wird. Viele Anfänger kennen das Gefühl der Langeweile beim scheinbar monotonen Wiederholen der Grundlagen, ob Laufen, Stehen oder die Schläge der fünf Elemente. Doch die Grundlagen sind überhaupt nicht langweilig, ganz im Gegenteil! Ein aufmerksames und geduldiges Üben vertreibt die Langweile ganz schnell. Jedoch stellt sich hier die Frage, was unter aufmerksamen Üben verstanden wird.

Folgende Punkte haben sich im Laufe des Erlernens der Traditionellen Chinesischen Kampfkünste herauskristallisiert und  können beachtet werden. In erster Linie ist es hilfreich, wenn man das Training immer wieder so beginnt, als ob man es nie gemacht hat. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Erfahrung vergessen sollten, aber wichtig ist es, das Studium einer Bewegung nicht aufzugeben, sondern immer wieder

die Bewegung neu zu entdecken. Auf diese Weise können bestimmte Aspekte auffallen und trotz der Einfachheit bekommt die Bewegung jedes Mal eine Facette mehr. Hier scheint ein Widerspruch zwischen Einfachheit und Facettenreichtum aufzutreten, aber das ist nur der Schein. Yin und Yang gehen Hand in Hand, sind unzertrennliche Prinzipien, über die man unendlich lang diskutieren kann, aber im Training können sie erfahren werden. Meistens erfahren wir im Alltag die Dinge vergleichend: schnell und langsam, warm und kalt, gesund und krank. Im aufrichtigen Training, d.h., einem Training bei dem man KungFu immer näher kommt und nicht versucht KungFu den eigenen Vorstellungen anzupassen, gibt es Momente, wo eine Trennung zwischen den gegensätzlichen Aspekten nicht mehr vorhanden ist. Eine der besten Voraussetzung für die Beobachtung der Kraftwirkungen ist eine wissensdurstige Geisteshaltung, die es erlaubt, die Prinzipien hinter den Bewegungen immer wieder im neuen Licht zu sehen. Hat man die vielen Prinzipien in einer einzigen Bewegung beobachtet, so kann der Versuch unternommen werden, diese in einer Bewegung so zu verbinden, dass die Dynamik der einzelnen Aspekte als eine Einheit wirken kann.

Ein zusätzlicher Punkt ist sicherlich auch das langsame Üben. Der Charakter dieser oder jener Bewegung wird vom Meister sprachlich formuliert. Diese Information ist sehr wichtig, wenn es um die Essenz geht, und gleichzeitig verwerflich, wenn man an den Worten hängt. Essentiell für den Übenden ist es, das Prinzip im Gesagten zu entdecken und umzusetzen. Hier beginnt ein enormer Lernprozess mit sehr vielen individuellen Fragen: „Kann ich die Prinzipien der Bewegung umsetzen?“, „Warum finde ich die Kraft nicht?“  Wichtig ist auch die Quelle der Anweisung, denn nicht immer ist der Meister da, um Korrekturen durchzuführen. Die Anweisung kann objektiv, auf das Prinzip der Bewegung bezogen, aber auch subjektiv sein, wenn der Anweisende schildert, wie er die Bewegung ausführt. Das, was auf den ersten Blick als Nachteil aussieht, nämlich die subjektive Beschreibung, ist eher eine Herausforderung genau zu schauen, nach außen, wie der „andere“ übt, und nach innen, wie „ich“ übe. Die Umsetzung der Anweisungen oder Aspekte einer Bewegung wird aber besser verinnerlicht, wenn man eine Zeit lang etwas langsamer übt. Wenn die Bewegung langsam verinnerlicht wurde, können die verschiedenen Aspekte der Bewegung in einem schnelleren Ablauf erlernt werden, da es hierbei zum Teil etwas andere Dinge zu beachten gibt. Das langsame und geduldige Üben schafft eine Grundlage für die schnelle Ausführung. Beherrscht man die schnell ausgeführte Bewegung so wird man erstaunt sein, dass man neue Aspekte lernen kann, wenn man wieder zu etwas langsamerem Ausführen zurückgeht. Diesen Prozess könnte man als „Polieren der Bewegung“ bezeichnen, denn es ist ein Hin und Her, zwischen schnell und langsam, zwischen Worten und Ausführungen. Im Endeffekt gelangt man irgendwann zu einer Einheit der Bewegung, ob langsam oder schnell, es wirken die gleichen Prinzipien; zwischen Worten und Ausführung gibt es keine Trennung. Der Gedanke ist in der Bewegung umgesetzt, die Bewegung spiegelt somit den Gedanken wider, aber sie wirkt wiederum auf den Gedanken, was zu einem tieferen Verständnis der Bewegung führen kann.

Der letzte Aspekt in diesem Artikel wird die Imitation sein. Imitation ist höchstens in den ersten paar Stunden hilfreich. Später wird es zu einem Hindernis die Kampfkunst von Grund auf zu erlernen. Imitieren bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Bewegungsabläufe ohne eine mentale oder körperliche Reflexion übernommen werden. Etwas anderes ist es, wenn der Übende nach jahrelangem Training ein gewisses Spektrum an Prinzipien erlernt hat und beim Beobachten anderer Trainierender sehen kann, wie das eine oder andere Prinzip umgesetzt ist. So wie der Charakter und das Äußere von uns allen individuell ist, werden im Training die Prinzipien der Kampfkunst ebenfalls unterschiedlich umgesetzt bzw. unterschiedlich gewichtet. Beispielsweise übt der eine vermehrt die reißende Bewegung des Adlers und der andere die verschiedenen Aspekte des Tigers. In einem fortgeschrittenen Stadium ist es möglich, dass beide durch Zuschauen voneinander lernen können, jedoch geschieht dies nicht durch unreflektierte Imitation, sondern durch die Reflexion der Prinzipien der Bewegungen im Geiste. Eine gefährliche Imitation ist die Imitation seiner selbst. Wenn man meint, dass man die wichtigsten Prinzipien der Bewegungen verstanden hat, führt man sozusagen eine Imitation von diesem Verständnis aus. Ein geübtes Auge wird aber sehen, dass es sich hierbei nicht um eine natürliche Bewegung handelt, sondern um die Imitation des vermeintlichen Verständnisses, das eigentlich eine bloße Einbildung ist. Dieses Verhalten findet man sowohl bei sog. Anfängern als auch bei sog. Fortgeschrittenen, wobei hier folglich kein Unterschied zwischen Anfänger und Fortgeschrittener gemacht werden kann, denn beide haben wenig von dem verinnerlicht, was die Traditionellen Chinesischen Kampfkünste vermitteln können, und sind somit auf der gleichen Stufe.

Abschließend kann gesagt werden, dass ein korrektes und fleißiges Training eine aktive Beschäftigung ist. Nun ja, das ist wohl nichts Neues für den Leser, wenn man die gängige Trainingsmethoden der Kampfkünste anschaut. Jedoch muss hier etwas angemerkt werden. Aktiv heißt in dem beschriebenen Zusammenhang nicht sinnlos auspowern, abreagieren oder Kopf abschalten; mit einem abgeschaltetem Kopf wird es schwierig sein, die geistige Haltung eines Kampfkünstlers zu finden, die die traditionelle Kampfkunst fordert und fördert. Das Training ist weder langsam noch schnell, weder körperlich noch geistig, weder Erfolg noch Misserfolg. In der bloßen Dualität wird die Essenz kaum zugänglich sein, erst im Zusammenwirken und in der Einheit der Gegensätze werden die Bewegungen effektiv, kraftvoll und „vollkommen“.