Innere und äußere Stile
Ein Text von Daniel Beis und Stefan Merkl, September 2009
Es gibt mehrere häufig an zu treffende Unterscheidungen von Kung Fu Stilen, wie die in nördliche und südliche Stile, in Shaolin-und Wu Dang-Stile und besonders die populäre Unterscheidung zwischen „Inneren“ und „Äußeren“ Stilen. In diesem Artikel soll die letztere Unterscheidung diskutiert werden.
(1) Historische Trennung von „Inneren“- und „Äußeren“- Stilen
Historisch gesehen hat sich die Unterscheidung zwischen „Inneren“ und „Äußeren“ Stilen mehrmals gewandelt. Der Grundstein zu verwirrenden Missverständnissen wurde hierfür bereits im Wechsel von der Ming- (1368–1644) zur Qing-Dynastie (1644-1911) durch Schriften des Philosophen Huang Li-Zhou gelegt. Als Widerstandskämpfer lehnte er die Fremdherrschaft der Mandschus ab, welche die Ming-Dynastie ablösten und die Qing-Dynastie etablierten. In einem seiner Aufsätze unterschied er die chinesichen Kung Fu Stile in „Innere“-Stile, d.h. wertvollere und geheime, und „Äußere“-Stile, d.h. weniger wichtige und öffentliche.
Diese Ansicht wirkte noch am Ende der Qing-Dynastie nach, als es zur Konfrontation zwischen der chinesischen und der europäischen Kultur kam. Zwar besaß das chinesische Militär viel Expertise mit Feuerwaffen (welche eine lange Tradition in China haben), jedoch wurde unter der Herrschaft der Qing die Weiterentwicklung, Produktion und Anwendung von Feuerwaffen stark eingeschränkt. Da die damaligen europäischen Militärkräfte somit einen Vorteil durch ihre stärkere Feuerkraft besaßen, wurde vielerorts der Sinn der traditionellen Kung Fu-Stile in Frage gestellt. Hinzu kam, dass im Rahmen der Opium-Kriege die chinesische Bevölkerung und das Militär sukzessiv drogenabhängig gemacht wurden.
(Anm.: Erster Opiumkrieg 1839 – 1842 zwischen England und China, Zweiter Opiumkrieg 1856 – 1860 zwischen England und Frankreich gegen China).
Durch die Niederlage Chinas gegenüber den Alliierten wurden der freie Verkauf von Opium und weitere Handelsrechte für die Westmächte sichergestellt. In dieser Krise war die chinesische Gesellschaft politisch, ökonomisch, sozial und militärisch geschwächt. Oft wurden die Chinesen damals höhnisch die „Kranken Asiens“ genannt. Dass dieser Hohn auf kurz oder lang Reaktionen in der chinesischen Gesellschaft provozieren würde, ist leicht nachzuvollziehen.
Eine Reaktion auf die Repressionen war, dass Personen in die Öffentlichkeit traten, welche durch ihre exzellenten Kung Fu–Fähigkeiten damals hohe Reputation genossen. Sie wollten ihre Stile der Öffentlichkeit zugänglich machen und hofften dem Volk dadurch wieder Selbstvertrauen und Zuversicht in die eigenen Kulturgüter zu geben. Hierfür wurde zum Beispiel von Huo Yuan Jia (1869 – 1910) 1909 die Jing Wu Athletics Association (Jing Wu Physical Training School) in Shanghai gegründete (vgl. Film Fearless, "Huo Yuan Jia", China 2006, mit Jet Li und Shido Nakamura). 1928 wurde von staatlicher Seite die Wushu Akademie (Zhong Yang Guo Shu Guan) geöffnet. All diese Vereine und Akademien hatten den Zweck, das Volk mit traditionellen Kung Fu-Werten, bzw. mit einer gewissen Kung Fu-Pädagogik zu alter Stärke zu führen.
Da nun versucht wurde, die Kampfkunst breiteren Massen zu vermitteln, waren Zwangsweise Abstriche in der Qualität der Ausbildung hinzunehmen. Parallel bildete sich damals auch eine intellektuelle Gruppierung heraus, deren intellektuelle Hintergründe auf wenig fundiertes Hintergrundwissen in den Kampfkünsten traf. In diesem Kontext entwickelten sich semi-esoterische Vorstellungen über Kung Fu. Auf Grund dieses Halbwissens und des Umstandes, dass viele Kung Fu-Systeme ähnliche Terminologien, Symbolik und Metaphern benutzten wie alte religiöse und moralphilosophische Systeme (vgl. Brian Kennedy und Elizabeth Guo, Chinese Martial Arts Training Manuals, North Atlantic Books 2005), wurden die öffentlichen Kung Fu-Stile nun mit viel theoretischen Beiwerk ausgeschmückt. Die verwendete Sprache stammte hierbei teilweise aus dem religiösen oder kosmologischen Wortschatz. Diese Vermischung von mystisch-esoterischen Vorstellungen und praktischen Techniken wurde in China besonders durch Strömungen in der entstehenden bürgerlichen Schicht im 19. Jahrhundert beschleunigt, vergleichbar der New Age-Bewegung im westlichen Kulturkreis (vgl. ebd).
In diesem Zuge wurde die Unterscheidung von inneren und äußeren Stilen wie sie Huang Li-Zhou unternahm vor allem dort beliebt, wo die besondere Überlegenheit eines Systems mit seinem neuen philosophischen Unterbau hervorgehoben werden sollte. Als „Innere“-Kampfkünste wurde daraufhin oft alles genannt, was einen besonderen Stellenwert, geheime Techniken und außergewöhnliche/ übermenschliche Kräfte haben sollte. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich diese Sicht durchgesetzt und wurde von einigen Lehrern und Autoren weiter tradiert.
Heute gibt es wenige Erklärungen, die den Unterschied zwischen „Inneren“- und „Äußeren“-Stilen historisch und inhaltlich erklären können. Oft treffen historische Erklärungsmodelle auf Ablehnung, da die moderne Meinung stark von mythischen und esoterischen Vorstellungen geprägt ist. Denn je interessanter Kung Fu wirtschaftlich wurde, desto stärker wurde auf besondere Werbung Wert gelegt. Bei einigen Schulen wurde es somit sehr beliebt zu behaupten, dass der vermittelte Kung Fu-Stil ein „innerer“ ist und keine Notwendigkeit bestehen würde eine harte (d.h. körperlich anstrengende) Grundausbildung zu absolvieren. „Innere“-Kampfkunst wurde oft gleichgesetzt mit weichen, entspannenden Atemübungen und gymnastischen Bewegungen. Dabei wird heute teilweise immer noch behauptet, dass ein langsames, gemütliches Training zu außergewöhnlichen Fähigkeiten führe. Dies stößt in unserer heutigen Zeit mancherorts immer noch auf viel Sympathie, wenn man mit möglichst wenig Mühe größten Erfolg erreichen möchte. Aber: die außergewöhnlichen Fähigkeiten (wie sie in vielen Videos zu sehen sind, bei dem „Qi“-Kräfte gezeigt werden) lassen sich meist als Tricks entlarven oder physikalisch erklären. Darüber hinaus ist bis es bis heute anscheinend schlichtweg chic seine Kampfkunst als „Inneren“ Stil zu bezeichnen, ohne genau angeben zu können, was das Spezifisch „Innere“ sein soll.
(2) Religiöse und kulturelle Unterscheidung
Eine weitere Unterscheidung zwischen „Inneren“ und „Äußeren“-Stilen bezieht sich auf die Hintergrundphilosphie. So werden alle Stile, welche mit buddhistischen Terminologien arbeiten als äußere Stile bezeichnet, da der Buddhismus von außen, d.h. aus Indien, nach China kam. Ein Beispiel hierfür ist die buddhistisch geprägte Trennung von Meditationsübungen in ruhig sitzender Position und Kampftechnik-Übungen in Bewegung. Somit sind mindestens alle Shaolin Quan-Stile „äußere“ Stile. Auch wenn der Trainierende nicht zwangsläufig dem buddhistischen Glauben angehören muss und der Kampfstil selbst keine religiösen Bezüge aufweist, besaßen viele Kampfkunststile eine dem Shaolin Quan ähnliche Struktur, so dass sie alle in der staatlichen Guoshu Akademie (s.u.) als „äußere“ Stile zusammengefasst wurden.
Kampfkunststile, welche dahingegen eine eher daoistische Terminologie und Theorie benutzten, wurden als „innere“ Stile bezeichnet, da der Daoismus (Taoismus) aus China stammt. Aus Sicht des Daoismus gibt es z.B. keine feste Grenze zwischen Qi Gong und Kampftechnikübungen. Beide werden in Bewegung ausgeführt.
Allerdings trifft diese Unterscheidung nur auf wenige Stile deutlich zu. Viele chinesische Kung Fu-Stile sind eher eine Mischung aus beiden kulturellen Erben oder stehen sogar separat neben beiden Traditionslinien. Eine einschneidende Systematik wurde (1928) jedoch in der staatlich initiierten Wushu Akademie (Zhong Yang Guo Shu Guan) etabliert. In dieser zentralen Akademie zur Pflege, Lehre und Weiterentwicklung der chinesischen Kung Fu-Stilen, wurden zwei große Abteilungen eingerichtet: eine für die drei „Inneren“-Stile unter dem Sammelbegriff „Wu Dang“ und eine zweite für alle übrigen Kung Fu-Stile unter dem Namen „Shaolin“.
Der Begriff „Wu Dang“ kommt ursprünglich von einer Bergregion, in der ein Kampfkunst-System entwickelt wurde, dass den großen drei „Inneren“-Stilen sehr ähnlich war. Jedoch gab es historisch keinen einheitlichen Wu Dang Quan-Stil, so dass es damals sinnvoll erschien, die chinesischen Kung Fu-Stile durch zwei geographisch klar bezeichnete Bezeichnungen (Wu Dang und Shaolin) zu trennen.
(Anm.: In den letzten Jahren wird allerdings versucht diesen Umstand zu ändern und dem verbreiteten Shaolin-System ein Wu Dang-System an die Seite zu stellen, in dem auch Varianten von Xingyi Quan, Bagua Zhang und Taiji Quan einfließen sollen.)
Anscheinend hat sich aber heutzutage nicht nur in Deutschland die Ansicht durchgesetzt, dass „Äußere“-Stile primär mit Muskelkraft operieren, während „Innere“-Stile mit „Qi“ arbeiten und irgendwie besonderer, weil undurchsichtiger, sind.
(Anm.: Was „Qi“ eigentlich ist, kann von den meisten Benutzern dieses Wortes nicht wirklich erklärt werden. In der Literatur gibt es mindestens vier verschiedene Verwendungsweisen (vgl. Brian Kennedy und Elizabeth Guo, 2005) und einige moderne Autoren sprechen davon, dass sich der Begriff prinzipiell einer sprachlichen Erfassung entziehen würde. Zu diesem Thema wird es bald auf www.kungfu-marburg.de einen weiteren Artikel geben.)
Um „Qi“ zu entwickeln, so die verbreitete Meinung, muss man langsam und meditativ trainieren. Auch wird teilweise jede Art von schweißtreibender Anstrengung abgelehnt. Weiter heißt es oft, „Qi“ entwickle sich erst nach Jahrzehnten. Wenn dies stimmen sollte kann man sich aber fragen, wie solche Stile anwendbar und schlachtentauglich gewesen sein sollen, wenn man erst im fortgeschrittenen Alter damit kämpfen konnte. Nachweislich konnten sich aber verschiedene Volksgruppen, Dörfer und auch Kriegsheere mit den so genannten „Inneren“-Stilen außerordentlich gut verteidigen (z.B. das Chen-Dorf, das sich immer wieder gegen maraudierende Räuberbanden effektiv und blutig zur Wehr setzen konnte).
(3) Alternative Erklärung von „Inneren“- und „Äußeren“-Stilen
Historisch wurden nur drei Kung Fu-Stile als „Innere“-Stile bezeichnet: Xingyi Quan/Xinyi Quan, Taiji Quan und Bagua Zhang. Für diese Systematisierung gab es neben den oben ausgeführten noch andere Gründe.
Zum einen waren diese drei Stile sehr „volkstümliche“ Kampfkünste und galten somit als genuin chinesische Stile. Diese Stile wurden seit jeher innerhalb von Familien und im kleinen familienähnlichen Kreis gelehrt, im Gegensatz zu den größeren Schulen und Klöstern, in denen viele Schüler trainieren durften. Aber dieses Kriterium kann nicht ausschlaggebend sein, da z.B. Bagua Zhang in seiner kurzen Geschichte keiner einzelnen Familie oder klarer gesellschaftlicher Begrenzung unterlag (vgl. John Bracey und Liu Xing-Han, Ba Gua, Blue Snake Books 1998) und „Innere“ Stile auch in der Wushu Akademie unterrichtet wurden.
Zum anderen haben aber die drei „Inneren“-Stile eine Gemeinsamkeit, die etwas schwieriger zu benennen ist. Eine interessante Formulierung findet sich z.B. bei Lu Shengli (vgl. Lu Shengli, Combat Techniques of Taiji, Xingyi and Bagua, Blue Snake Books 2006). Seiner Meinung nach benutzen äußere Stile sehr natürliche (im Sinne von alltäglich bekannte) Bewegungen und zielen primär darauf ab durch körperliches Training mehr Kraft und mehr Schnelligkeit zu entwickeln. Hinzu kommt natürlich eine umfangreiche Technikausbildung von Attacken, Paraden, Finten, usw., was darin resultiert, dass man schnelle Fortschritte macht und die physische Kraft schnell ausgebaut wird. Die drei „Inneren“-Stile verfolgen allerdings eine andere Strategie. Die Bewegungen sind weniger natürlich, sondern sehen auf den ersten Blick eher umständlich oder künstlich aus. Die Idee der „Inneren“-Techniken ist es aber, noch hinter die alltäglich-natürliche Bewegung zurück zu gehen und eine ursprünglichere Struktur im Körper zu erzeugen. Diese Körperstrukturen sind oft nicht deutlich zu erkennen und auch erst nach vielem Üben zu verstehen. Im Gegensatz zu der eher physischen Muskelkraft wird in den „Inneren“-Stilen eher eine Form der Strukturkraft ausgebildet, d.h. eine Kraft die durch eine bestimmte Körperstruktur ausgebildet wird.
Auf Grund dieses Unterschieds wird manchmal gesagt, dass die „Inneren“-Stilen mehr Augenmerk auf die Technik zur Erzeugung der Kraft legen, während bei den „Äußeren“- Stilen die Muskelkraft (Li) eine stärkere Rolle spielt. Natürlich gab und gibt es auch Stile, die beide Komponenten verfolgen (z.B. Baji Quan und Tongbei Quan). Aber nur Xingyi Quan, Taiji Quan und Bagua Zhang haben ein vollständiges System von Bogen-, Kreis- und Kraftbewegungen ausgebildet, die auf einer gemeinsamen Grundidee basieren.
Dies deutet schon an, dass es auch einen Unterschied Im Training zwischen „Inneren“- und „Äußeren“-Stilen gibt. Bei den „Äußeren“-Stilen wird von Anfang an die Muskelkraft und Schnelligkeit trainiert. Die Effektivität der Kraftanwendung liegt hier in der von starken Skelettmuskeln erzeugten Schnelligkeit von Schlägen, Tritten usw. In den „Inneren“-Stilen hingegen wird von Anfang an mehr Wert auf die Ausbildung einer bestimmten Körperstruktur gelegt. Hier lernt man zuerst das korrekte Stehen bzw. die richtige Ausrichtung des Körpers am Boden, was man auch „Verwurzellung“, „Wiederstand suchen“ oder „Sinken-lassen“ nennen kann. Dazu müssen nach und nach viele Haltungsaspekte in die Körperstruktur integriert werden. Ist dies umgesetzt, ist eine Kraftanwendung möglich, die letztlich aus der Reibungskraft, die zwischen Fußboden und Fußsohle entsteht. Die Kraft kann vom Boden durch den Körper in den Gegner geleitet werden, da hierfür eine geeignete Körperstruktur die Energie durch den Körper leitet und diese nicht blockiert.
In den „Inneren“-Stilen kann der Körper als ein System von Ventilen angesehen werden, deren korrektes Öffnen und Schließen einen ungehinderten Kraftfluss vom Boden zu den Fäusten zulässt. Es kommt darauf an dieses Öffnen und Schließen zu erlernen und die richtige Koordination für diese Prozesse zu entwickeln. Dazu ist es zunächst einmal nötig, dass man den gewohnten Bewegungsweisen des Alltags im Training Übungen entgegensetzt, mit denen man diese spezielle Kung Fu-Bewegungsweise ausbilden kann. Je besser dies umgesetzt wird, desto effektiver ist die Kraftanwendung. Allerdings dauert das Verstehen dieser Art der Kraftentfaltung etwas länger, als in den „Äußeren“-Stilen, da die Bewegungen gerade nicht alltäglich sind.
In den praktischen Anwendung zeichnet sich ein weiterer Unterschied zwischen „Inneren“- und „Äußeren“-Stilen ab. Zum Beispiel entwickelt man im Shaolin Quan zwangsweise eine starke Muskulatur in den Armen und bringt mit deren Hilfe eine Faust so schnell wie möglich ins Ziel. Die Bewegung startet gewissermaßen bei der Faust, der der Arm folgt und am Schluss die Hüfte. Dadurch wird ein Faustschlag im traditionellen Shaolin Quan effizient. Das Shaolin-Kampfprinzip besteht in schnell wechselnden Angriffs- und Verteidigungsbewegungen. Die Beinpositionen werden stabil und schnell verändert, so dass man an den Gegner aus verschiedenen Richtungen heraus bedrängen kann.
In den „Inneren“-Stilen ist das Fundament eines gelungenen Faustschlags vor allem die richtige Spannung im Körper, aus der die Kraft herausgeholt wird. Muskelkraft ist zwar auch wichtig, allerdings erst nachdem man die Spannungen im Körper gelernt hat aufzubauen und zu kontrollieren. Um die Kraftentfaltung durch den Körper zu leiten muss man die Beine flexibel halten, den Rücken spannen und lockern, das Becken etwas nach vorne ziehen, die Schultern gesenkt lassen usw. Der Schlag beginnt gewissermaßen im Boden und wird nur durch den Körper an den Gegner abgeleitet und umgekehrt wird die Kraft, welche auf einen einwirkt, in den Boden oder ins Leere abgelenkt.
Auch wenn Xingyi Quan, Taiji Quan und Bagua Zhang unterschiedlich aussehen, beinhalten alle drei ein gemeinsames Bewegungsprinzip. Alle diese Stile versuchen maximale Verdrehungen, Verdrillungen und Körperspannung auszunutzen um eine Spiralfederkraft zu entwickeln. Dabei geht Xingyi Quan wie eine Dampfwalze vor, die über den Gegner frontal herüber rollen soll. Im Xingyi Quan wird dem Gegner der eigene Mittelpunkt gewissermaßen aufgedrängt, so dass der Gegner zurückweichen oder fallen muss. Taiji Quan absorbiert und reflektiert die Kraft des Gegners, indem Schläge abgeleitet, eingefangen und gezielt zurückgegeben werden. Mit Taiji Quan wird der Mittelpunkt des Gegners mit dem eigenen in Kontakt gebracht und aus dem Gleichgewicht gebracht. Bagua Zhang wirbelt um den Gegner herum und hebelt den Mittelpunkt des Gegners durch Techniken aus unvorhersehbaren Positionen aus.
Diese Prinzipien umzusetzen gelingt aber nur, wenn man sich der besseren Konzentration wegen auf ein langsames Üben einlässt. Das heißt jedoch nicht, die Bewegungen in Zeitlupe durchzuführen, sondern Schritt für Schritt die verschiedenen Kraftformen und Spiralisierungsprinzipien kennen zu lernen und zu verstehen. In den „Inneren“-Stilen ist es sehr viel wichtiger, die allgemeinen Bewegungsideen zu verstehen und weniger, jede einzelne Technik und Kontertechnik auswendig zu lernen. Gelingt es schließlich diese Prinzipien zu verwirklichen geht es erst richtig los.
In den (1) „Äußeren“- und (2) „Inneren“- Stilen sind somit zwei Wege beschrieben, um die Kampfkunstfähigkeiten zu verfeinern:
1. Die Muskeln werden „stark“ gemacht, um eine effektive Kraftanwendung zu erreichen. Die Körperstruktur wird angepasst, damit die Kraft noch besser ausgebaut und eingesetzt werden kann.
2. Die Technik wird ohne viel Muskelkraft durch die Umsetzung von Spannungs- und Entspannungstechniken etabliert. Die Kraft entwickelt sich aus der Körperstruktur.
In jeder chinesischen Kampfkunst geht es im Prinzip um den Weg effektive Kraftanwendungen zu erlernen. Sei es durch geschickte Techniken, durch schnelles Reagieren oder durch psychische und physische Abhärtung. Im Endeffekt arbeitet jeder Stil mit „Qi“, bestimmten Körperstrukturen und Kampfprinzipien.
Man kann jedoch zwei grundlegend verschieden Ansätze im Training unterscheiden und somit eine alternative Erklärung für die Unterscheidung zwischen „Inneren“- und „Äußeren“-Stilen geben. Da sich die angesprochenen Bewegungsprinzipien von Xingyi Quan, Taiji Quan und Bagua Zhang nicht so beobachtbar und im Inneren des Körpers abspielen, kann man diese zu Recht zusammenfassend als „Innere“-Stile bezeichnen.
In den höheren Stufen jeder Kampfkunst fällt dieser Unterschied allerdings in sich zusammen. Man kann ein hervorragendes Schwert schmieden, indem man das Eisen sehr heiß macht und es dann unter behutsamen Hammerschlägen formt, oder es durch kräftige Hammerschläge bei geringerer Temperatur herstellen. Die Wege sind verschieden, führen aber zum gleichen Ziel.
Die Unterscheidung in „Innere“- und „Äußere“-Stile bezieht sich also primär auf die Herangehensweise in der Ausbildung und verliert ihre Bedeutung, wenn eine Kampfkunst wirklich beherrscht wird.
