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Jenseits von Superkräften

oder

Ist Schnelligkeit und Kraft das Ziel der Kampfkunst?

Ein Artikel von Serghei Glinca (Juni 2012)

In jedem Kung Fu oder Comic Film sind Helden omnipräsent. Eine Bande zerstört das Dorf, ein Kind wird gerettet, erlernt Kämpfen, übermenschliche Kräfte und übt Rache aus. Oder ein sog. Superheld mit Kräften, die keinem Menschen eigen sein können, rettet die Erde vor den Untergang, der von einem skrupellosen, bösen Verbrecher geplant war. Das ist ein Aspekt, um den es in diesem Artikel gehen wird. Dieser soll mit etwas anderem verbunden und betrachtet werden. Alle Kampfkünste werben mit Entwicklung der Kraft und Schnelligkeit beim Training, was dazu führen könnte, dass man Backsteine, ein Brett kaputtschlagen kann oder einen Gegner effektiv besiegen kann. Diese Kräfte oder Superkräfte werden u.a. in Filmen angepriesen. Wie schon erwähnt, im Weiteren werden beide Punkte als eine Gesamtheit betrachtet und in Frage gestellt.

Unabhängig davon welches körperliches Training angewendet wird, wird der Körper schneller und kräftiger, daher kann man annehmen, dass die Versprechen der Kampfkunstschulen eingehalten werden. Jedoch muss unbedingt die Frage gestellt werden, was geschieht, wenn das Training auf Entwicklung von Kraft und Schnelligkeit fokussiert wird. Die Antwort ist ganz einfach, man wird kräftiger und schneller. Nun fragt sich der Leser, was soll denn die Diskussion dann? Folgende Aussagen sollen es veranschaulichen: „eine Frau ist nur dazu da, dass sie kochen und aufräumen soll“, „ein Man/eine Frau ist dazu da, damit man seine Bedürfnisse befriedigen kann“. Diese Aussagen sind unhaltbar. Sie sind extrem einseitig, obwohl diese Einstellungen in vielen Köpfen herum geistern. Schon allein die Vorstellung davon, wozu dies oder jenes da ist, hindert uns daran, eine tiefere Beziehung aufzubauen. Daher können einseitige Behauptungen zur Kampfkunst oder QiGong, obwohl sie leider weit verbreitet sind, nicht richtig sein.

Ohne im Folgenden darauf einzugehen, was richtig ist, ist es wichtig das Prinzip zu sehen, dass die Fokussierung auf eine bestimmte Qualität einer Methode sofort die Schwäche des System zeigt: man wird sich immer in diesem Rahmen bewegen können, der vorgegeben ist. Und wenn dies geschieht, ist eine selbständige Entwicklung als Kampfkünstler sehr schwer möglich, wenn überhaupt. Das hat der Autor selbst durch jahrelanges Training, bevor er Meister Lee getroffen hat, erfahren. Die Fähigkeiten der Kraft und Schnelligkeit sind durch intensives Kampftraining gut geworden, aber mehr ist nicht geschehen. Die Bewegungen wurden kräftiger, aber sie wurden nicht vertieft, weder körperlich noch geistig. Die Konzentration lag in der Bewegung beispielsweise des Beines. Was ist mit dem Rest des Körpers? Was ist mit Physiologie, Anatomie, Philosophie, Charaktereigenschaften, Fehlen von Aggression in der kraftvollen und effektiven Bewegung und allen anderen Dingen, die in die Bewegung einfließen können?

Diese Fragen sind für einen aufrichtigen Kampfkünstler sehr wichtig. Eine Sache muss hier aber erwähnt werden. Es geht nicht darum, die Kampfkunst auf zu werten, sondern es geht um eine Basis, von der aus man sich entwickeln kann. Wenn die Basis einseitig ist, dann ist die Entwicklung einseitig. Alle geschichtlichen Ereignisse zeigen, dass einseitige Entwicklungen immer zum Verderb oder zumindest zur Degeneration führen.

Welche Qualitäten sind also wichtig für ein Training? Eine Antwort darauf würde diesen Artikel selbst in Frage stellen. Jedoch haben wir gesehen, dass Einseitigkeit im Training uns beschränkt. Nun, was ist dann mit den Superkräften? Ist ein Trainierender in der Lage, Fähigkeiten zu entwickeln, wenn er nicht einseitig trainiert? Zu diesem Punkt würde der Autor Folgendes schreiben. In der dynamischen Bewegung, wo die Gedanken keine Hindernisse stellen, der Körper sich als eine Einheit bewegt, spielt weder Kraft noch Schnelligkeit eine Rolle, sie sind als Nebeneffekt schon da und die Superkräfte sind im Licht dieser einheitlichen Dynamik ein Witz, eine Phantasie. Im Augenblick der Bewegung ist es möglich die dynamischen Aspekte seines Körpers als ein ganzes Spektrum und unmittelbar zu erfahren; man könnte sagen, man erlebt die Wirklichkeit des Körpers und des Geistes. Da können keine phantastischen Superkräfte mithalten. Ein Appell an alle skeptischen Leser: das ist kein Hokuspokus oder Esoterik. Was unter Wirklichkeit des Körpers und Geistes gemeint ist, ist das Fehlen der Trennung der beiden, sie arbeiten zusammen, es findet eine Interaktion statt. Die TCK, v.a. XingYi, wie Meister Lee es lehrt, haben eine besondere Herangehensweise an den Übenden, so dass dieser das Potential selbständig entdecken kann.