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Chinesische Philosophie in den

Kampfkünsten

von Stefan Merkl

(September 2009)

 

In Europa und Amerika werden asiatische Kampf­kunstsysteme oft mit Disziplin, Moral und Ritterlichkeit assoziiert. Viele Eltern schi­cken ihre Kinder in den Kampfsportunterricht, damit sie dort die Disziplin lernen, die in der Schule und in den Familien nicht vermittelt werden kann. TV-Sendungen zeigen, wie der Kampfsport ein Mittel sein kann, jungendliche Straftäter auf den Weg der Tugend zurück zu leiten. Und auch in Psychiatrien werden Kampf­sportelemente verwendet, um die Patien­ten an ein neues Körper- und Selbst­wertgefühl heran zu führen.

Wie kann der Kampfsport dies alles leisten? Ist Kampfsport nicht besser geeignet, Macht über Menschen auszuüben und gewaltsam eigene Ziele durch zu setzen? Was ist dran an dem oft beschworenen Idealbild des moralisch über­legenen Kung Fu-Meisters, wie wir ihn aus Filmen kennen?

Natürlich scheint es so zu sein, dass Menschen mit weinig Selbstvertrauen und Selbstbeherr­schung dazu neigen ihre Unsicherheiten mit Aggressionen zu verdecken. Auch kann nur jemand im Einklang (was immer das heißt) mit sich selbst auch im Einklang mit seinen Mit­menschen leben. Wenn man die eigene Überle­genheit kennt, dann kann man auch großzügig gegenüber Schwächeren sein und muss nicht auf deren Kosten den Beweis für die eigene Überlegenheit antreten. Aber was am Kampfsport ist das Vehikel mit dem diese Attitüde transportiert wird?

Häufig ist es einfach die Tatsache, dass es dort einen körperlich überlegenen Lehrer gibt, der moralische Apelle in seinen Unterricht ein­baut. Zu solchen Personen kann man auf­schauen und sich durch sie inspirieren lassen. Auch ist die Unterordnung unter einen gewis­sen Kodex, den solche Lehrer vertreten, viel einfacher, als sich den Wünschen von Lehrern, Eltern oder Gesellschaft  zu fügen. Dies kann gerade in Phasen verstärkter Individuationsbe­strebungen als demütigend empfunden wer­den. Aber in einer Kampfsportschule ist es leicht die Rituale mitzumachen und sich einem „Ritterkodex“ zu unterwerfen. Solche Mechanis­men greifen. Und das sie greifen, soll auch ruhig ausgenutzt werden.

Schaut man sich einen solchen Kodex, z.B. in Form von Schulregeln, genauer an, sind dies genau die gleichen Regeln, wie sie auch außer­halb der Kampfsportschule im alltäglichen Miteinander selbstverständlich sind. (Abgese­hen von Ritual-Regeln wie Halle-Grüßen etc.) Diese Art von Kampfsport-Pädagogik ist tatsäch­lich ein adäquates Mittel jungen Men­schen eine Handlungsorientierung zu geben.

Abseits davon gibt es eine viel engere Verzah­nung von Kampfsport und Lebenseinstellung. Um die chinesischen Kampfkünste wirklich zu verstehen und für die eigene Lebensführung nutzbar zu machen, ist allerdings ein tiefer Einblick in die chinesische Kultur, Philosophie und Sprache unabdingbar. Will man nicht ein­fach nur ein Statist auf der Bühne des Kampf­sports sein, bleibt nichts anderes übrig, als sich mit tief verwurzelten Konzepten der chinesi­schen Kultur auseinander zu setzen. Hier soll dies am Beispiel eines konfuzianisti­schen Programms erläutert werden.

Dieses Konzept heißt „Nei Sheng Wai Wang“ (內聖外王), was so viel bedeutet wie „Das Heilige im Innern nach außen zur Herrschaft bringen[1].  Dieser Ausdruck stammt von Laot­zis großem Schüler Zhuang Zi (360-280 v. Chr.). Lutz Geldsetzer und Han Ding Hong über­setzen diesen Ausdruck etwas freier mit: „Wer innerlich ein Heiliger ist, soll auch nach außen hin zum Herrscher werden“[2]. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass dem Mythos zu Folge die ersten chinesischen Herrscher alle solche Heilige waren. Hier wird also eine Art des platonischen Philosophenkönig­tums angesprochen. Diese mythologischen Herrscher waren in späteren Zeiten für die späteren Philosophen stets prä­sente Vorbilder. In diesem Sinne wurde dann auch das Prinzip „das verwirklichte Heilige nach außen zur Geltung bringen“ zur vorherr­schenden Aufgabe des Philosophen. Das Schrift­zeichen für Sheng besteht aus den Zei­chen für Herr­scher, Ohr und Mund. Der Hei­lige ist also je­mand, der genau hinhört bzw. erfasst, damit in sich etwas ausbildet und es durch den Mund (oder einen anderen Äuße­rungsmodus) zur Wirkung bringt. Nun ist aber das Ideal des Heiligen sehr hoch gegriffen und so bezeich­nete Konfuzius sich selbst nicht als Heiligen, sondern als jemanden der den alten Heiligen nacheifert. Bei dem Projekt der Selbst­vervoll­kommnung soll also auch ein gehöriges Maß an Bescheidenheit am Werk sein. Der Weg der Vervollkommnung wird durch stetes Lernen beschritten. Konfuzius beschwört dazu das Ideal: „In den alten Zeiten lernte man, um sich selbst zu vervollkomm­nen. Heute lernt man, um sich bei den Mitmen­schen zu profilieren.“[3] Das Programm des Philosophen und des Herr­schers ist dem­nach die Selbstvervollkomm­nung durch Ler­nen (Wei Ji  Zhi Xue), also die Selbstbildung (修己:Xiu Ji). Erst in einem Reifestadium kann der Herrscher dem Volk den Frieden bringen bzw. erhalten und der Philosoph als Menschen­lehrer auftreten, der besonders durch sein Vorbild wirkt. Konfuzius drückt dies so aus: „Sich selbst überwinden und sich nach den Sitten (Li) richten, dadurch schafft man Menschlichkeit (仁:Ren). Einen Tag schon sich selbst überwinden und sich nach den Sit­ten richten, und schon wird die ganze Welt menschlich. Menschlichkeit zu bewirken, das hängt von einem selber ab. Sollen es immer nur die anderen Menschen bringen?“[4] Konfu­zius bezog sich mit diesem Programm auf das Buch der Sitten (Li Ji). Darin werden drei Prinzi­pien expliziert[5]:

1.       Klarmachen, was die reine Tugend ist (明明德:Ming Ming De): Das Bemühen um Versittlichung bzw. Vervollkommnung.

2.       Die Menschen verbessern (親民:Qin Min): Sich den Menschen (den Bürgern) annähen,  ihnen zuhören, sie verstehen lernen, sie beeinflus­sen bzw. erziehen, d.h.: nach der Stufe „Ming Ming De“ soll man das Erlangte nicht nur für sich behal­ten.

3. Immer wieder neu lernen und erst     ru­hen, wenn das höchste Gut erreicht ist (止於至善:Zhi Yu Zhi  Shan): Versitt­lichung bzw. Vervoll­kommnung wird als unendliche Auf­gabe begriffen.

Diese Ethik wird in der Großen Lehre[6](大學)in einem acht Punkte Programm weiter expliziert[7]:

1.       Ge Wu(格物)Befassung mit den Dingen: Hier geht es um den prakti­schen/manuellen Umgang mit Dingen der Lebenswelt, die betastet werden sollen, damit sie begriffen werden kön­nen.

2.       Zhi Zhi(至知)Erreichen von Erkenn­tnis oder Wissenserwerb: Wis­sen ist Resultat von der Befassung mit den Dingen und Anfang der Persönlich­keitsbildung.

3.       Cheng Yi(誠意)Wahrhaftigkeit des Willens oder sich jederzeit über seine Absichten Rechenschaft able­gen. Dies kann im sokratischen Sinn als Gewissenserforschung verstanden werden, deren Ziel ein reines Gemüt ist.

4.       Zheng Xin(正心)Reinheit des Her­zens oder gerader Sinn. Dieses Prinzip verlangt, dass alle dunklen, verborge­nen Bereiche im Bewusstsein an das Ta­geslicht gezerrt werden, um zur „Ein­falt des Herzens“ zu gelangen.

5.       Xiu Shen(修身)Selbsterziehung oder Ausbildung der Persönlichkeit. Die­ses Prinzip bezieht neben der intellek­tuellen und sittlichen Ausbil­dung auch die körperliche Arbeit mit ein („In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“).

6.       Qi Jia(齊家)Bestellung des Hau­ses oder Ordnung in der Familie: Die­ses Prinzip zielt auf die Stärkung der Fa­milienbande und deren ökonomi­sche Versorgung.

7.       Zhi Guo(治國)Politik machen oder den Staat ordnen. Die Res Pub­lica, die „öffentliche Sache“ wird hier als Angelegenheit verstanden, die je­den Einzelnen ganz unmittelbar be­trifft.

8.       Ping Tian Xia(平天下)Befriedung der Welt oder Organisation des Weltfrie­dens. Dieses Prinzip appelliert an die Solidarität unter den Men­schen. Die Verantwortung des Einzel­nen geht also über den eigenen Staat hi­naus und wird auf die gesamte Menschheit ausgeweitet.

Die ersten fünf Prinzipien beziehen sich auf die individuelle Arbeit, die zur Verede­lung des Menschen führen soll. Resultat die­ses Prozesses ist die intellektuell, sitt­lich und physisch ausgebildete bzw. ge­reifte Persönlichkeit. Deutlich wird, dass es sich um einen praxisverankerten Pro­zess handelt. Die Praxis steht vor der Theo­rie. Der Praktiker ist derjenige, der Handlungen vollzieht und in diesem Pro­zess zu Erkenntnissen kommt. Der Theoreti­ker (gr.: Zuschauer) ist derjenige, der den Praktikern auf die Finger schaut ohne jemals einen Finger zu rühren. Hier wird also eine Erkenntnistheorie angedeu­tet, die das „Machen“ von Erkenntnis im Vollzug von Handlungen hervorhebt[8]. Der Prozess der Selbstbildung setzt also in der Befassung mit Dingen an, so dass sich im Vollzug erst Erkenntnis kristallisiert und mit jedem Handlungsvollzug die Entschei­dung, ob der Vollzug gelungen oder Misslun­gen ist, aktualisiert werden muss. In dem Wort „Begreifen“ steckt dieser Dop­pelsinn von Erkenntnis schon drin: Dinge werden mit den Händen begriffen: be­tastet, manipuliert, mit ihnen umgegan­gen (praxis). Dann erst werden sie vom Ver­stand begriffen (theoria). Mit dem drit­ten Prinzip hebt eine sittliche Rechtferti­gung der Praxis an, die erst durch die Zus­chauerperspektive auf die Praxis möglich wird. Es wird verlangt die eigenen Beweg­gründe, Bedürfnisse, Wünsche usw. zu reflek­tieren. Daraus entwickelt sich eine Pra­xis, die sittlich veredelt ist und von den eigenen Motivationen usw. zurücktritt. Diese fünf Punkte repräsentieren den Pro­zess des Nei Sheng (內聖). Sie müssen der Reihenfolge nach durchlaufen werden, da jede Stufe auf der nächsten aufbaut. Die letzten drei Punkte repräsentieren den Bereich des Wai Wang (外王).

Die Reihenfolge fordert, zuerst vor der eige­nen Tür zu kehren, bevor man andere belehrt. Unglaubwürdig ist derjenige der in seinen persönlichen Angelegenheiten keine Ordnung hat aber meint, andere beleh­ren zu können, was um ein beliebtes Alltagsbeispiel anzuführen, z.B. Partner­schaft usw. angeht. Unglaubwürdig ist derje­nige der über Dinge spricht und theore­tisiert, ohne selbst mit den Dingen, über die er theoretisiert, in der Praxis be­fasst gewesen zu sein. Die Große Lehre drückt es so aus: „Ehe die Alten die ganze Welt darüber aufklären wollten, was die reine Tugend (oder politisch korrekte Gesin­nung) ist (明明德:Ming Ming De), brachten sie erst einmal ihren eigenen Staat in Ordnung (治國:Zhi Guo). Ehe sie Ordnung im Staat machen wollten, sorg­ten sie erst einmal für ihre Familie (齊家:Qi Jia). Ehe sie Ordnung in ihre Familien­verhältnisse bringen wollten, arbei­teten sie erst einmal an sich selbst (修身:Xiu Shen). Ehe sie etwas für ihre Bil­dung tun wollten, achteten sie auf ei­nen geradlinigen Charakter (正心:Zheng Xin). Ehe sie ihren Charakter formen woll­ten, waren sie erst einmal ehrlich mit sich selbst (誠意:Cheng Yi). Und ehe sie sich selbstkritisch prüfen wollten, verschafften sie sich Kenntnisse (至知:Zhi Zhi). Kundig wird man nämlich nur durch Handanlegen an die Dinge (格物:Ge Wu)“.[9] In dieser Ver­sion kommen die acht Prinzipien folge­richtig in umgekehrter Reihenfolge vor. Das Buch „Mitte und Maß(中庸)fasst das Nei Sheng Wai Wang folgendermaßen zusammen: Wer wahrhaftig ist, vervoll­kommnet nicht nur sich selbst, sondern er vervollkommnet eben dadurch auch alles au­ßer ihm. Sich selbst vervollkommnen ist eigentlich Menschlichkeit (仁:Ren), die Au­ßenwelt vervollkommnen ist Weisheit   (智:Zhi). Das sind die Leistungsfähigkei­ten unseres Wesens. Sie zeigen den Weg, das Äußere und das Innere zu vereini­gen.“[10]

Konfuzius, selbst als Heiliger von seinen An­hängern verehrt, schlug diesen Titel aus. Er sah sich als jemand, der den Alten na­cheiferte. Viele seiner Prinzipien waren schon lange vor ihm tief in der chinesi­schen Kultur verankert. Er selbst systemati­sierte diese Lehren.

Was hat das ganze nun mit Kampfkunst zu tun? Die Intention dieses Artikels kann si­cher nicht sein, eine oberflächliche Kampf­sportethik durch eine tiefgehende konfuzia­nistische Ethik zu ersetzen. Bei ge­nauerem Hinsehen fällt hier aber eine tief­verwurzelte Eigenheit der chinesischen Philo­sophie auf, der in den inneren Kampf­künsten höchste Bedeutung zu kommt. Wie wir uns erinnern, zeigt das im acht Punkte Programm explizierte „Nei Sheng Wai Wang(內聖外王)gemäß dem Buch „Mitte und Maß(中庸)ei­nen Weg, das Innere und das Äußere mit ei­nander zu vereinigen, auf. Genau dieses Prinzip finden wir in der Form der „drei äuße­ren Harmonien (外三合:Wai San He)“ und den „drei inneren Harmonien (內三合:Nei San He) wieder. Die drei inne­ren Harmonien sind:

1.       Das Herz mit der Achtsamkeit verbin­den (心與意合;Xin Yu Yi He): Dieses Prinzip fordert eine 100 prozentige Bün­delung des Mentalen. Wenn ich trai­niere, dann mit ganzem Herzen und nicht halbherzig. Wenn ich mich ver­teidige, muss ich den Zwiespalt zwi­schen Angsthaben und Verteidigen­wollen überwinden. Eigent­lich will ich ja in Ruhe gelassen werden. Ist die­ser Zwiespalt wegen feh­lendem menta­lem Ausgerichtet­sein gegeben, kann ich mich auch nur halbherzig ver­teidigen. Außerdem for­dert das Prin­zip 100 prozentige Achtsam­keit. Hier spielt der Wille die zentrale Rolle. Und dieser muss mit der Achtsamkeit bzw. dem Bewuss­tsein koordiniert sein.

2.       Die Achtsamkeit mit der Energie ( : Qi) verbinden (意與氣合:Yi Yu Qi He): Die Energie, das „Qi“, soll be­wusst gemacht werden und mittels des Bewusstseins bzw. der Achtsam­keit geleitet werden.

3.       Die Energie mit der Kraft verbinden (氣與力合Qi Yu Li He): Hier wird an­gesprochen, dass die Kraft erst dann 100%ig wirken kann, wenn die Energie durch das Bewusstsein selbst geleitet wird. Völlige Durchdringung des Kör­pers mit Bewusstsein und Herz löst wi­derstreitende Kräfte auf und sorgt für ei­nen reibungslosen Energiefluss. Dann kann die Energie so konzentriert und ausgerichtet werden, dass sie opti­mal gebündelt werden kann. Ge­lingt dies, kann das Kraftpotential des Körpers erst völlig ausgeschöpft wer­den.

Die „drei äußeren Harmonien“ (外三合:Wai San He) sind:

1.       Die Schultern mit den Hüften verbin­den (肩與跨合:Jian Yu Kua He): Gefor­dert wird eine Verbindung und Koordination von Schultern und Hüf­ten, die auf keinen Fall abreißen darf.

2.       Die Ellenbogen und Knie verbinden (肘與膝合:Zhou Yu Xi He): Hier wird das gleiche für Ellenbogen und Knie ge­fordert.

3.       Die Hände mit den Füßen verbinden     (手與足合:Shou Yu Zu He): Schließ­lich gilt die Forderung auch für Füße und Hände.

Werden die drei inneren Prinzipien und die drei äußeren Prinzipien vereinigt, entsteht die typische Ganzkörperbewegung der inneren Kampfsportarten. Das Mentale und das Physi­sche sind dann optimal vernetzt. Nur, wenn das Innere in dieser Weise ausgebildet ist, kann die äußere Komponente zur optimalen Entfaltung kommen. Hier bildet sich also die Struktur des Nei Sheng Wai Wang, also das innere Ausbilden und das äußerliche Entfal­ten des Potentials, ab. Dieses Prinzip ist ein wichtiges Fundamentalprinzip in der chinesi­schen Kultur.

Man kann die ersten fünf Prinzipien vielleicht sogar in modifizierter Form auf das Lernen der Kampfkünste anwenden: Auch in den Kampf­künsten muss man damit beginnen Techniken einfach nachzuahmen, sich mit ihnen im Voll­zug auseinandersetzen (格物:Ge Wu). Mit den Korrekturen und der Eingliederung von Bewegungsprinzipien bekommt man immer mehr Praxis. Nun etablieren sich Erkenntnisse bzw. es entsteht Wissen aus dem Vollzug der Techniken (至知:Zhi Zhi). Dies bringt einen Prozess des Sich-Kennen-Lernens mit. Man entdeckt Schwächen in der Persönlichkeit, die einem den Weg des Lernens beschwerlich machen wie z.B. Ungeduld, Undiszipliniertheit, Schmerzintoleranz[11]. Hält man an dem Wunsch Kung Fu zu lernen fest, verändert sich das Denken und die Positionierung zu vielen Dingen. Die Praxis wird (hoffentlich) zum Selbst­zweck. Motive treten in den Hintergrund (誠意:Cheng Yi). Nun kann man barrierefrei, geradlinig Üben und in die Feinheiten eintau­chen (正心:Zheng Xin). Letztlich reift ein Praktiker heran, der durch seine Reife sein ganzes Kampfpotential einsetzen kann (修身:Xiu Shen). Die Äußerung eines solchen Praktikers im Kampf entspricht dem „Wai Wang[12].

Jeder ernst zu nehmende Meister wird natür­lich Wert darauf legen, dass seine Schüler beim Lernen die richtige Reihenfolge einhal­ten. So macht es keinen Sinn Kräfte analysie­ren zu wollen, bevor die typische Chan Si Jing  (im Tai Ji Quan: 纏絲勁 = Seidenfaden abrollende Kraft; bei Xing Yi Quan entsprechend „Fan Lan Jin翻浪勁 = wellende Kraft)- Bewegungsweise an­fängt sich zu etablieren. Außerdem wird ein guter Meister auch genau Aufpassen, wem er etwas lehrt, das als Machtinstrument missbraucht werden kann. So wird er auch auf eine Persön­lichkeitsentwicklung bei seinen Schülern achten und dabei möglicherweise auch das acht Punkte Programm im Hinterkopf haben.

An diesem Beispiel kann man sehen, wie eng manches Fundamentalprinzip mit den Kampf­künsten verbunden ist. Auch erklärt dies, warum Kampfsportler sich immer auf einen Kodex beziehen: Genau wie sie als Vertreter einer Familie eines Stiles natürlich stolz auf ihre Abstammung sind, fühlen sie sich auch in eine ethischen Tradition eingebettet. Dass diese zumeist tief konfuzianistisch ist, bleibt jedoch meist unbewusst. So etwas wie Kampf­kunsttu­genden (武德:Wu De) gibt es aus dieser Pers­pektive nicht. Für Kampfkünstler gilt das­selbe, wie für jeden anderen. Der Ver­weis auf die philosophische Tradition betrifft mehr die Anwendung kultureller Fundamental­prinzi­pien. Es gibt viel zu lernen. Carpe Diem!



[1] abgeändert nach Geldsetzer, Hong „Chinesische Philosophie. Eine Einführung.“ Reclam, 2008, S. 27

[2] Geldsetzer, Hong „Chinesische Philosophie. Eine Einführung.“ Reclam, 2008, S. 28

[3] Si Bu Bei Yao, Band 2, Lun Yu, S.64, zitiert nach Geldsetzer, Hong „Chinesische Philosophie. Eine Einführung.“ Reclam, 2008, S. 32

[4] Si Bu Bei Yao, Band 2, Lun Yu, S. 53, zitiert nach Geldsetzer, Hong „Chinesische Philosophie. Eine Einführung.“ Reclam, 2008, S. 31

[5] abgeändert nach Geldsetzer, Hong „Chinesische Philosophie. Eine Einführung.“ Reclam, 2008, S. 32

[6] Der Titel „Die Große Lehre“ ist eine etwas unglückliche eingedeutschte Übersetzung. Gemeint ist nicht eine große Lehre, die es zu vermitteln gilt. Das Werk ist eine Abhandlung über das Lernen zur Vervollkommnung. Das chinesische Zeichen Da () bedeutet „groß“ und das chinesische Wort Xue     () bedeutet „Lernen“. Da Xue ist besser als Über das Lernen der wichtigen bzw. großen Dinge. „Da Xue“ (大學) heißt auch „Universität“. Im Mittelalter verstand man bei uns unter Universität auch keine Institution zum erlernen von Einzelwissen-schaften, sondern zur umfassenden Ausbildung. Seit Wilhelm von Humboldt gilt die Universität als Forum der Persönlichkeitsentwicklung. Auf diesem Hintergrund ist vielleicht besser zu verstehen, was „Da Xue“ meint.

[7] abgeändert nach Geldsetzer, Hong „Chinesische Philosophie. Eine Einführung.“ Reclam, 2008, S. 33-34

[8] Interpretation des Autors auf dem Hintergrund des Methodischen Kulturalismus.

[9] Si Bu Bei Yao, Band 1, Li Ji, S.223. Zitiert nach Lutz Geldsetzer & Han-ding Hong Chinesische Philosophie. Eine Einführung. Reclam, 2008, S. 33

[10] Si Bu Bei Yao, Band 1, Li Ji, S.198. Zitiert nach Lutz Geldsetzer & Han-ding Hong Chinesische Philosophie. Eine Einführung. Reclam, 2008, S. 35-36

 

[11] Schmerz ist nicht im Sinne von masochistischer Schmerzliebe gemeint. Es geht rein um die trainingsbedingten Zipperlein z.B. wenn man beim Üben einer Grundstellung wie dem San Ti Shi schmerzen in den Beinen bekommt oder wie im Shaolin Quan beim Abhärten der Arme und Beine.  Wichtig ist mit Schmerzen umgehen zu lernen, da ein Kampf ja auch mit Schmerzen verbunden sein kann. Kampfsport ohne Schmerzen gibt es nicht. Man sollte im Training offensiv mit ihnen umgehen und sie nicht vermeiden. Man soll aber auch nicht über die Schmerzgrenze gehen oder mit einer Verletzung trainieren. Auch ist nicht gemeint, dass man Schmerzen genießen soll.

[12] Interpretation des Autors.