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 Tai Ji Quan im 21. Jahrhundert

von Stefan Merkl

(Juli 2009)

 

Was ist Tai Ji Quan? Um für die Beantwortung dieser Frage keine Platituden bemühen zu müssen, sei hier der Anfang gemacht, mit einer Negativbestimmung: Tai Ji Quan ist aus unserer Sicht entgegen der landläufigen Meinung keine Bewegungsmeditation, hat keine „spirituellen“ Aspekte und nichts mit Wellness zu tun. Der Verein Schwarzer Adler, Gelber Drache möchte sich ausdrücklich gegen solche Interpretationen wenden. Dies soll im Folgenden begründet werden, doch zunächst eine Positivbestimmung des Tai Ji Quan: es handelt sich hierbei um einen Kung Fu-Stil, der sich durch nichts von anderen Stilen abhebt, außer, dass er zu den drei Inneren Kampfkünsten gehört.

Seriöse historische Forschung sieht seine Entstehung vor allem in der Chen-Familie, die auf regionalem Gebiet militionäre Aufgaben übernommen hatte. Auch darin unterscheidet sich Tai Ji Quan nicht von anderen Kung Fu-Stilen. Das mag viele Leute enttäuschen, geht doch die landläufige Meinung dahin, zu glauben, Kung Fu stamme aus klösterlichen Traditionen. In Wirklichkeit sind die meisten Kampfkunst-Stile Chinas im militärischen Umfeld entstanden. Auch das Shaolin-Kloster war nicht der Geburtsort des Kung Fu, sondern eher ein Sammelbecken unterschiedlicher Kampfkünste. Diese Zusammenhänge müssen jedoch in einem anderen Artikel erörtert werden.

 

Wie bei jedem Stil gibt es auch im Tai Ji Quan viele verschiedene Gründungsmythen. Je nach Geschmack werden diese Legenden als Tatsachen tradiert, ohne Hinweis darauf, was Legende und was gesicherte Überlieferung ist. Im Verlaufe der Zeit werden die Legenden in immer grauere Vorzeit verlegt, die Helden werden heldenhafter und deren Fähigkeiten fantastischer. Trotzdem wir in einer aufgeklärten Zeit leben, scheint sich bei vielen Menschen ein starkes Bedürfnis nach solchen dunklen, geheimnisvollen Kräften und Fähigkeiten durch die Hintertür wieder eingeschlichen zu haben. Diese Bedürfnisse werden viel leichter befriedigt, wenn man sich anderen Kulturen zu wendet. Dies wird mit Indianerkulturen, den Kulturen der australischen Ureinwohner oder der tibetischen Kultur praktiziert und schließlich auch mit Elementen der chinesischen Kultur. Wie schön wäre es auch, wenn es dort ein verborgenes Wissen gäbe, mit einem irrationalen Element, das uns einen höheren (oder tieferen) Zugang zu einer fremden Wirklichkeit bieten würde. Wie schön wäre es, wenn wir damit Gewissheit über Gottheiten, unsere Zukunft, unsere Kräfte und Gesundheit bekämen. Die Bereitschaft, in dem für uns häufig dunkel erscheinenden Gedankengut, geheimnisvolles, mystisch-magisches heraus zu selektieren ist enorm hoch. Vielleicht steckt dahinter das Bedürfnis Kontrolle über die Unabsehbarkeiten des Lebens zu bekommen. Bei der Inanspruchnahme der chinesischen Kultur zur Befriedigung dieser Bedürfnisse wird aber meist vergessen, dass sich auch China längst nicht mehr im Mittelalter befindet. Auch hier wird der Aberglaube zu Gunsten einer aufgeklärteren Weltperspektive aufgegeben. Vielleicht sind diese Traditionen auf dem Land noch lebendig, trotzdem ist auch in China die mentale Landkarte längst nicht so dunkel, wie manche gerne glauben würden.

Dennoch machen sich viele chinesische Kampfkunstmeister genau diesen Umstand zu Nutze und gießen Öl in das Feuer, lässt sich doch bei der Befriedigung der irrationalen Bedürfnisse viel Geld verdienen. Hinter den Kulissen dieses Theaters, auf dessen Bühne sich viele und natürlich auch gute Leute exponieren, gibt es aber auch eine ganze Reihe ernst zu nehmender Meister, die zwar aus einer traditionellen Lehre kommen, aber den Übergang in das 21. Jahrhundert mit ihrer Kampfkunst vollzogen haben. In deren Licht erscheint die Kampfkunst dann als etwas recht Nüchternes und für Abendländer Enttäuschendes, suchen wir doch gerade etwas, das uns spirituellen Fortschritt, überlegene Fähigkeiten und exklusives Wissen verspricht. Ich bitte jeden einmal ehrlich in sich zu gehen und zu prüfen, ob diese Bedürfnisse bei ihm wirklich keine Rolle spielen.

Diese modernen Meister traditioneller Künste leben vor, dass es keine Notwendigkeit gibt, sich irrationalen Dingen nähern zu müssen, um diese Künste zu erlernen. An die Stelle von traditionellen Modellen, die für die Menschen früherer Zeiten die einzige Möglichkeit waren, ein Begriffssystem zu etablieren, treten heute Modelle, die in unserer aufgeklärten Terminologie die gleichen Phänomene beschreiben können. Aber zugegeben: es ist zunächst einfach enttäuschend, wenn man gewahr wird, dass die Kampfkünste eben ursprünglich nichts mit spirituellen Traditionen zu tun haben, sondern aus dem Militär stammen, dass stundenlange Meditation eben keine Rolle für die Kampfkunst spielt, sondern eine davon getrennte Komponente chinesischer Kultur ist. Das Meditation heute in vielen Kampfkunstschulen praktiziert wird, ist eher eine zufällige Entwicklung. Andererseits steht dies natürlich jedem frei. Jedoch kann daraus kein Anspruch auf ein Mehr an Authentizität erhoben werden.

Viele der wunderbaren Fähigkeiten, die man in Medien und Vorführungen präsentiert bekommt sind Tricks oder zumindest rational zu erklären. Betrachtet man die Vorstellungen der Shaolin-Mönche von einem physikalischen Hintergrund aus, lassen sich keine wunderbaren Fähigkeiten ausmachen, sondern enorme Körperbeherrschung und Anwendung banaler physikalischer Gesetze. Der berühmte Zauberkünstler James Randy führt seit Jahrzehnten einen Kampf gegen alles Okkulte. Er hat einen Preis von 1 Millionen Dollar ausgesetzt, für denjenigen, der ihm ein Phänomen vorführt, dass er nicht erklären oder reproduzieren kann. Bis heute ist diese Summe nicht ausgezahlt, aber viele Tricks entlarvt worden. So ist zum Beispiel auch der Kung Fu-Sportler James Hydrick 1981 von Randy als Trickser entlarvt worden.

Man darf auch nicht vergessen, dass es in China wissenschaftliche Forschung gibt, die sich mit der Kung Fu-Historie auseinander setzt. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts haben Forscher wie Tang Hao einen rationalen Zugang zur Geschichte des Tai Ji Quan gesucht und gefunden. Von den so gerne für Werbezwecke verwendeten Mythen bleibt da nicht viel übrig. So liest man immer wieder, Tai Ji Quan wäre mehrere tausend Jahre alt. Mehrere Tausend bedeutet aber, dass es sich um mindesten zwei tausend Jahre handelt. Man präsentiere dafür die Quellen.

Ein weiterer Mythos bezeichnet Zhang Sanfeng als Gründer dieser Kampfkunst. Diese Gestalt hat zwar gelebt und man weiß von ihr, dass sie sich im Umfeld der Shaolin aufgehalten hat, aber es gibt keine gesicherten Hinweise auf eine Verbindung zum Tai Ji Quan. Die Frage nach dem Ursprung ist auch deshalb schwer zu beantworten, da die Praktizierenden zu meist Analphabeten waren und schriftliche Aufzeichnungen daher selten waren. Besser ist die Frage so zu stellen: Was finden wir im Tai Ji Quan heute vor? Welche Traditionen sind noch heute zu erkennen? Ohne die Details an dieser Stelle diskutieren zu wollen, seien hier die Einflüsse genannt, die im Tai Ji Quan gesichert eingeflossen sind:

Im Tai Ji Quan finden sich Einflüsse von äußeren Kung Fu-Stilen wie Hong Quan und Chang Quan, das aber nicht mit dem heutigen Chang Quan verwechselt werden darf, sowie des chinesischen Ringens Shuai Jiao. Entscheidende Einflüsse kamen im 16. Jahrhundert von einem namenlosen Taoisten und im 17. Jahrhundert von Jiang Fa einem Meister des Stils Nei Jia Quan. Sehr deutlich ist auch die Verwandtschaft zum Xing Yi Quan, wobei unklar ist, woher dieser Einfluss stammt.

 

Irgendwo ist im Bewusstsein der heute Praktizierenden zwar erhalten geblieben, dass es sich beim Tai Ji Quan um eine Kampfkunst handelt, aber wie weit die Menschen sich von dem Original entfernt haben, sieht man an Sätzen wie: „Tai Ji Quan ist eine meditative Bewegungskunst, die ursprünglich aus dem Umfeld der Kampfkunst stammt“ oder „früher als Kampfkunst praktiziert, ist das Tai Ji Quan weiterentwickelt worden und steht heute auf drei Säulen: Gesundheitsübung, Meditation, Kampfkunst, wobei der Kampfaspekt keine Rolle mehr spielt“. Viele behaupten heute sogar, Tai Ji Quan wäre überhaupt keine Kampfkunst. Gleichzeitig haben die gleichen Personen aber auch kein Problem damit, den Kampfkunstaspekt in Anspruch zu nehmen, wenn dadurch die Überlegenheit ihrer Sache verdeutlicht werden kann oder andere Ziele erreicht werden sollen. Die Inanspruchnahme gerade von Seiten esoterisch gestimmter Gruppen die Tai Ji Quan primär als Bewegungsmeditation ansehen, ist auf sogar groteske Weise absurd, weil es den wahren Ursprung des Tai Ji Quan verleugnet und sich selbst von dieser Wurzel abtrennt. In solchen Kontexten treibt das Tai Ji Quan dann sehr merkwürdige Blüten. So wird es schnell zu einer Art Tanztherapie, in die christlich-esoterische Inhalte einfließen, zu einer Wellness-Angelegenheit oder es wird Tai Ji „gespielt“. Das will nicht sagen, dass diese Entwicklungen keine Daseinsberechtigung hätten. Nur wird hier ein neues Produkt mit einem Namen belegt, der für etwas ganz anderes steht. Diese Entwicklung ist leider weltweit zu beobachten und authentische Meister beißen sich die Zähne aus, wenn sie versuchen, ihre Kunst wieder in das rechte Licht zu rücken. Dass die große Masse zu einer Übereinstimmung gefunden hat, was das Wesen des Tai Ji Quan ausmacht, heißt nicht, dass diese Übereinstimmung das Wesen auch trifft. Denn das Wesen einer Sache ist ja kein Gegenstand der demokratischen Abstimmung. Auch muss gesagt werden, dass es eine große Gemeinschaft an Meistern gibt, welche die heutige Bedeutung des Tai Ji Quan keineswegs als Fortschritt empfindet. In ihren Augen ist diese Entwicklung eine Degeneration. Es wäre schon hilfreich, wenn viele Praktizierende heute anerkennen würde, dass sie nicht die ursprüngliche Tradition vertreten, sondern eine Art „Neo-Tai Ji“, welches den Gesundheitsaspekt herausgreift und mit einem taiji-fremden Aspekt ergänzt. Dass es aber auch anders geht, zeigen die vielen Anhänger des Chen-Stiels des Tai Ji Quans, die sich sehr wohl an die Kampfkunsttradition erinnern und diese auch praktizieren.

 

Wie kam es nun zu dieser Entwicklung? Sie setze vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts ein. Damals machte China eine sehr schwache politische/soziale/ökonomische/kulturelle Phase durch. Von den Nachbarländern und Europa gingen wiederholt Demütigungen aus. So wurden die Chinesen als die „kranken Asiens“ bezeichnet. Dass solche Beleidigungen nicht ohne gesellschaftliche Reaktion blieben, ist bei einem alten und stolzen Reich wie China zu erwarten gewesen. Besonders aus Kampfkunstkreisen kam die Idee das Land wieder stark zu machen, indem starke Individuen herangezogen werden sollten. Es entstanden Kung Fu-Akademien, die dieses Ziel verfolgten. Meister traten nun in die Öffentlichkeit und lehrten Kung Fu, dass bisher nur in kleinen Gruppen weitergegeben wurde. Ein Beispiel ist die Jing Wu Athletics Association und Huo Yun Jia oder die staatliche Zhong Yiang Guoshu Akademie. Allerdings fand zur gleichen Zeit auch eine Intellektualisierung von größeren Bevölkerungsschichten statt und vermischte sich mit der Kampfsportbewegung. Auch der große Tai Ji-Meister Yang Cheng Fu fing an vor großem Publikum in Shanghai zu lehren. Allerdings unterrichtete er eine sehr stark vereinfachte Form, deren Anwendungen chiffriert waren, damit sich diese nicht jedem Schüler erschlossen. Nun begannen aber einige Intellektuelle schnell Komponenten im Tai Ji Quan zu sehen, die für sie besonders interessant erschienen. Der Arzt entdeckte die schonenden Körperbewegungen, die für Reha- oder  Fitness-Zwecke einsetzbar schienen, der Meditationspraktizierende glaubte, diese Bewegungen für seine Praxis nutzbar machen zu können usw. Außerdem gab es damals wie in Europa (New Age Bewegung) auch in China eine besondere Vorliebe für Okkultes, die auch ihren Teil beigetragen hat. Die Konzentration der Menschen auf solche Dinge wich natürlich sehr davon ab, wie ein traditioneller Meister seine Kunst sah. Von da ab hat sich allmählich eine neue Tai Ji-Mode entwickelt, die im Laufe der Zeit immer weniger mit dem Original gemein hatte.

 

Heute wird Tai Ji Quan meist in einem spirituellen Kontext vermittelt. Die Bewegungen sind langsam, das Denken soll zum erliegen kommen, keine Kraft angewendet werden und es soll auch nicht körperlich anstrengend sein. Tatsächlich wird Tai Ji Quan auch so von vielen alten  Menschen in China zu gymnastischen Zwecken geübt. Es ist aber auch vorstellbar, dass alte Menschen Fußball spielen, die Tore abschaffen und sich sehr langsam bewegen. Dies würde Franz Beckenbauer aber sicher nicht als Fußball durchgehen lassen. Ebenso verhält es sich mit dem Tai Ji Quan, das in den Augen eines traditionellen Meisters eben anders zu praktizieren ist. In seinen Augen wird nur zum besseren Verständnis der Bewegungen langsam trainiert, um dann bald zum schnellen Exerzieren über zu gehen, denn im Ernstfall hilft neben sauberer Technik vor allem Schnelligkeit. Auch Kraft spielt eine wichtige Rolle, aber eben keine rohe Muskelkraft, sondern eine Kraft, die aus besonderen Bewegungsprinzipien resultiert und sehr explosiv angewendet wird. Tai Ji Quan ist anfangs vielleicht nicht sehr anstrengend und kann von jemand, der es als Gesundheitsübung versteht auch weiter so geübt werden. Aber bei ernsthafter Praxis, wenn man die Komponenten entwickelt, die als „Innere Aspekte“ gelten, braucht man eine sehr starke Physis, um der Anstrengung stand zu halten. Auch heißt es  häufig, man dürfe beim Üben nicht Denken. Auch das ist nicht richtig. Tatsächlich ist man während der Übung durch deren Anforderungen mental völlig in der Technik, so dass man von Alltagsgedanken völlig frei sein kann. Jedoch beschäftigt man sich mental mit der korrekten Durchführung. Außerdem ist man in der Übung stets im Wechsel zwischen Yin und Yang. Schon dadurch kann und soll man keine absolute Leere erreichen. Letztlich waren die großen Meister nicht groß, weil Tai Ji Quan ein überlegenes System war, in dem sich die Überlegenheit aus irgendwelchen mystischen Sphären wie von selbst ergab. Vielmehr wurde neben täglicher harter Arbeit, viel Geduld und Frustrationstoleranz  die Bewegungen bis ins kleinste Detail analysiert und diskutiert. Der intellektuelle Aspekt an der Verbesserung von Kung Fu-Fähigkeiten darf auf keinen Fall unterschätzt werden. Ein gutes Tai Ji Quan-Training konzentriert sich auch nicht auf das ewige Laufen von Formen. Wie in allen Stilen werden die Einzeltechniken bis zur Perfektion geübt. Die Form ist ein Mittel, um die Verknüpfung von Einzeltechniken zu verstehen. Sehr wichtig ist dabei die Entwicklung der einzelnen Kräfte, wofür es bestimmte spezialisierte Übungen gibt.

Wenn man sich erst einmal von allem Nebensächlichen befreit hat und sich auf die Sache selbst konzentriert, kann man sich einen ganz neuen Kosmos erschließen, der die Enttäuschungen bei der Aufgabe liebgewonnener Mythen bei weitem ausgleicht. Die Zurückweisung von einigen Aspekten soll nicht bedeuten, dass die Beschäftigung mit den Inneren Kampfsportarten keine Wirkung auf die Mentalität des Praktizierenden hätte. Aus unserer Sicht ist aber eine Verschiebung der Bedeutung einzelner Aspekte kontraproduktiv, da so der Verwässerung dieser Künste Tür und Tor geöffnet wird. Voraussetzungen zum erlernen von diesen Künsten sind vor allem Geduld, Disziplin und möglichst die Bereitschaft Tai Ji Quan nicht als Mittel zu einem Zweck (Erleuchtung, Magie....) sondern als Selbstzweck zu betrachten.