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Traditionelles Training im Verein Schwarzer Adler Gelber Drache e.V.

Ein Artikel von Daniel Beis (Februar 2009)

Warum sollte man eigentlich etwas zum Training schreiben? Ist die Unterrichts-Didaktik und der Ablauf in den verschiedenen Kampfsportarten nicht immer gleich – zumindest im Prinzip?

Aufwärmen, Dehnen, Muskelaufbau, Technik, Partnerübungen – diese Elemente finden sich in allen Kampfsportarten wieder. In den einen wird mehr Betonung auf Anwendung gelegt, bei den anderen eher Show- und Soloformen geübt.

Auch beim Training der "Traditionellen Chinesischen Kampfkünste" (TCK) – wie man es bei Dr. Li Lee lernen kann - findet man alle erwähnten Elemente. Trotzdem gibt es einige Besonderheiten, die - einmal formuliert - dem Anfänger vielleicht helfen können, sich besser im Training zu orientieren und den Unterricht zu verstehen.

TCK soll hier nicht als „neuer Kungfu-Stil“ verstanden werden. TCK soll aber im Ggs. zu modernem Wu Shu und anderen modernen (Show-) Kampfkünsten auf Besonderheiten in (a) Methodik und Didaktik, (b) Technik und (c) mentaler Bildung hinweisen. Unter Wu Shu versteht man heutzutage oft das Training von Showformen (waffenlos oder mit einer Vielzahl an Waffen), die mit viel akrobatischem Können vorgeführt werden. Im TCK liegt der Fokus schlichtweg auf anderen Aspekten, von denen einige hier ausgeführt werden sollen.

Im Folgenden werden einige Themen (Rangsystem, Coaching und Unterrichtsform) des traditionellen Unterrichts angesprochen, wie sie sich mir in meinem bisherigen Training darstellten. Natürlich ist das nur eine subjektive Meinung aus persönlicher Erfahrung und somit disputabel und sie erhebt keinen universalistischen Anspruch.

(1) Rangsystem

Beinahe alle modernen Kampfsportarten besitzen ein ausgefeiltes Rangsystem in Form von Gürtel- oder Schärpenhierarchien. Je nach Stil sind die Bedingungen, einen höheren Rang zu erhalten, an die Beherrschung von Techniken, Wissen und finanzielle Zuwendung gebunden. Bei den großen bundesweiten Vereinen sind die Gurtprüfungen meist auch strikt organisiert und inhaltlich festgelegt.
Im traditionellen Wu Shu gibt es keine Ränge. Jeder, der bei uns anfängt, ist weder durch irgendwelche Farben noch durch gesonderte Trainingsmethoden von den Fortgeschrittenen unterscheidbar.
Das mag für viele erst einmal verwirrend sein. Es hat aber gute Gründe, auf äußerliche „Klassifizierungen“ zu verzichten.

Ursprünglich kommen die Gürtelfarben vom chinesischen Ringen. Gerungen wurde größtenteils draußen im Freien, sodass die Gürtel, an denen gegriffen wurde, immer schmutziger wurden. Somit waren gute Ringer daran zu erkennen, dass sie auf Grund des jahrelangen Trainings fast schwarze Gürtel trugen.

Leider verdeckt heutzutage allzu oft der Schein den Kern der Sache. Oft sind Neulinge eingeschüchtert, wenn sie sehen, mit welchen „Gürtelpartnern“ sie trainieren und glauben nur zu schnell, dass alles, was diese höheren Gürtelträger sagen und machen, richtig ist. Darüber hinaus passiert es immer wieder, dass rangniedrigere Sparringpartner ranghöhere schlecht aussehen lassen. Ein Gürtelrang muss logischerweise nicht bedeuten, dass man besser kämpfen kann als Rangniedrigere oder mehr Ahnung von dem hat, was man macht. Gürtelhierarchien haben also nicht nur Vorteile.
Bei uns gibt es die Chance und die Bürde, unvoreingenommen und unwissend (bezüglich der Qualifikation des anderen) mit anderen zu trainieren. Man muss selbst herausfinden, was richtig ist und muss ein Auge dafür bekommen, wer schon fortgeschritten ist und wer nicht. Im echten Leben trägt der potentielle Aggressor auch keine Farben, um seine Qualifikation anzuzeigen. Somit muss man auch lernen, auf Kleinigkeiten zu achten, die einem helfen, schnell zu erkennen, auf welchem Stand das Gegenüber ist. Am Anfang ist es natürlich nicht leicht, sich dabei zu recht zu finden.
Ein guter Rat ist hierbei, einfach auf das zu achten, was der Lehrer sagt und zeigt und dann zu schauen, bei wem es ähnlich aussieht. Früher oder später gewinnt man (wenn man sich unvoreingenommen darauf einlässt und nicht zu schnell Urteile fällt) ein Auge für den Stand der Trainingspartner und kann einschätzen, wo man selber steht. Dazu gehört es natürlich, sich selbst nicht andauernd zu überschätzen, in gewissem Sinne Zurückhaltung, Offenheit und Demut zu entwickeln. Wer sich selbst andauernd als ausreichend gut einschätzt, wird nicht wirklich die Chance haben, sich nachhaltig zu verbessern.

Traditionell gibt es eigentlich nur drei Ebenen beim Training. Es gibt die Schüler, es gibt Meisterschüler bzw. Cotrainer und es gibt den Lehrer (Sifu). Alles andere z.B. „initiierter Geheimschüler“ ist unseriös. Der Begriff Großmeister hat normalerweise nur einen Beziehungsaspekt und weniger einen Qualitätsaspekt. Großmeister sind die Lehrer der eigenen Lehrer, quasi die Großlehrer im Sinne wie Großeltern. Großmeister sind weder größer als andere Meister (mental oder körperlich), noch sind sie die Meister des eigenen Meisters.

Im traditionellen Unterricht wird jeder gleich behandelt und allein der eigene Fleiß qualifiziert im Endeffekt jeden einzelnen.

(2) Motivation und Coaching

Es gibt verschiedene Beweggründe, mit Kampfsport bzw. Kampfkunst anzufangen. Der profanste ist der Drang sich selbst verteidigen zu können. Auch Fitnessaspekte oder kinästhetische Vorlieben sind oft ausschlaggebend, nicht Fußball, sondern Kampfsport zu betreiben.
Kampfsport ist aber nicht gleich Kampfsport (wer hätte das gedacht?).

Es gibt sehr kampforientierte Stile wie europäisches Boxen oder ThaiBoxen, es gibt auf Wettkampf ausgelegte Stile wie Taekwondo oder Judo und es gibt auf Bewegungskunst ausgelegte Stile wie Capoeira oder modernes Wu Shu, welches viele Elemente des Bodenturnens besitzt.

Im Prinzip sind alle Aspekte auch beim traditionellen Wu Shu vorhanden. Man kann kampforientiert trainieren, man kann den Gesundheits- und Fitnessaspekt verstärkt beachten und man kann auch einfach den Körperausdruck schulen. Der feine Unterschied zwischen den gängigen Kampfsportstilen und den traditionellen chinesischen Stilen, wie sie von Dr. Li Lee unterrichtet werden, ist aber, dass nicht vorgegeben wird, wie viel man jeweils welchen Aspekt trainieren soll.

In unserem Training wird niemand gezwungen, gezielt die eine oder andere Richtung einzuschlagen. Wenn jemand Lust hat, z.B. mehr kämpferisch zu trainieren, kann er dies tun. Und zwar mit den gleichen Bewegungen, die auch alle andere lernen.

Wenn man anfängt, mit den Bewegungen „zu spielen“, kann man lernen, sie unterschiedlich zu betonen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag kann man die gleiche Form sehr aggressiv und schweißtreibend durchführen, welche man nach einer durchzechten Nacht eher langsamer und weniger anstrengend durchführt.

Wenn man den Anspruch erhebt, die Stile vom Kern her zu verstehen, bedarf es natürlich etwas mehr Fleiß in Eigenarbeit. Wer sich aber einfach nur zweimal die Woche bewegen möchte, der kann seine Interessen auch vertreten finden.

Für viele ist so viel Freiheit im Training erst einmal verwirrend. Oft ist man gewohnt, ein sehr stringentes Coaching zu bekommen, in dem man auf bestimmte Bewegungen gedrillt wird. Dabei konsumiert man meist mehr, als dass man produziert.

Der Unterricht bei uns ist eher in Form eines Studiums ausgerichtet. Das heißt, dass man nicht jede Woche wieder die gleichen 50 Bewegungen unter Anleitung durchexerzieren muss, bis sie reflexartig verinnerlicht sind.
In unserem Unterricht obliegt es dem Schüler, sich selbst aus dem reichhaltigen Angebot an Techniken und Formen bestimmte auszusuchen, diese in Eigenarbeit zu verinnerlichen und diese selbst zu intensivieren. Natürlich ist man dabei nicht auf sich allein gestellt. Hilfe bekommt man immer und auch regelmäßige Wiederholungen der Techniken sind ganz normal. Aber man kann sich nicht darauf verlassen, dass man über ein halbes Jahr hinweg immer die gleichen Bewegungen eingetrichtert bekommt, bis man sie auf Kommando beherrscht. Darüber hinaus wird einem nicht die Entscheidung abgenommen, welche Bewegungen und Techniken man selbst einsetzen soll. Da jeder eine andere „Grundausstattung“ mitbringt, muss man selbst mitdenken und lernen zu entscheiden, was man wie viel trainieren möchte. Der Meister gibt einem dabei Hilfestellung. Aber damit man die Techniken auch gut beherrscht, muss man selber schwitzen – sowohl körperlich als auch geistig. „Selber essen macht dick, selber trainieren bildet Fähigkeit aus.“

Eine damit einhergehende Besonderheit ist, dass im traditionellen Unterricht selten eine ganze Form am Stück vom Lehrer vorgeführt wird. Auch haargenaue Anleitungen wird man weniger oft hören, als man denkt. Der Freiraum, welcher dadurch entsteht, ist aber bei anständigem Training nicht verschwendet. Man füllt ihn mit einer eigenen Art, die Bewegungen umzusetzen, aus. Aber nicht als einfache Kopie der Bewegung des Lehrers, sondern als eingeständig angepasste Variante.

Trotzdem herrscht im Training keine Beliebigkeit, wenn der Lehrer (wie Dr. Li Lee) dafür sorgt, dass die Eigenheiten des Stils erhalten bleiben, ohne dass man zur „Stangenware“ wird. Da jeder Mensch andere anatomische und physiologische Möglichkeiten mitbringt, werden Körper und Technik des Schülers somit weniger gedrahtet wie ein Bonsai, sondern eher in ein günstiges Klima gebracht, wo sie sich angemessen und stilgetreu entwickeln können. Das heißt aber nicht, dass jeder die Techniken nach eigenem Gutdünken interpretieren kann bzw. soll, wie er will. Dem ist nicht so. Aber jedem wird genug Freiraum eingeräumt, seine individuellen Möglichkeiten selbst voll zu entfalten. Klingt blumig, funktioniert aber.

Wer sich davon lösen kann, immer und jederzeit genaue Anweisungen zu erhalten, wann was wie gemacht werden muss, um zum Ziel zu kommen, der kann beim traditionellen Wu Shu (wie es bei uns verstanden wird) einen vielschichtigen Unterricht finden, der durch die besonderen mentalen Ansprüche auch charakterbildend sein kann.

Außerdem wird meines Erachtens der Weg in der Ausbildung somit interessanter. Damit meine ich nur, dass man auch lernen muss, aufmerksam zu beobachten, selbst mit den Bewegungen „zu spielen“, Techniken auszuprobieren und seinen eigenen Weg beim Training zu finden. Darin muss nichts Mystisches oder Spirituelles liegen, aber es kann, wenn man darauf Wert legt. Ich bin persönlich eher für eine säkulare Ausdeutung.

(3) Unterrichtsform und Inhalte

Eine weitere wichtige Eigenart des traditionellen Unterrichts ist die oft scheinbar chaotisch wirkende Form des Unterrichts. Zwei Wochen lang lernt man die ersten 14 Bewegungen einer Form und plötzlich muss man wieder drei Wochen lang Grundlagen üben, tief stehen lernen usw. Dann geht es weiter, nur leider mit ganz anderen Bewegungen, die auf den ersten Blick nichts mit der zuerst unterrichteten Form zu tun haben. Aber das ist eben nur scheinbar.

Im Unterschied zu anderen Kampfsportarten, wo von vornherein feststeht, bis zu welchem Grad man welche Techniken erlernen wird, dauert die traditionelle TCK-Ausbildung schlichtweg länger. Es kommt dabei oft auch nicht auf die genaue Technik an, sondern um das Prinzip, welches in der Schlag-, Tritt-, Wurfbewegung zum Ausdruck kommt. In der letztendlichen Anwendung im Ernstfall wird man schnell merken, dass sich der Gegner nicht so verhält, wie man vorher in den Formen und Techniken gelernt hat. Was dann bleibt, ist die Variation.

Ähnlich wie beim Jazz lernt man im Unterricht einzelne Bewegungs-Sequenzen, die man später frei variieren zu lernen vermag. Natürlich lernt man auch längere Formen, um die Konzentration, Ausdauer und einen eigenen Rhythmus zu trainieren. Aber immer wieder werden grundlegende Strukturen beim Stehen, beim Laufen und Schlagen verbessert. Auch wenn man z.B. eine lange Shaolinform von der Abfolge gut beherrscht, heißt das noch nicht, dass man die Bewegungen und Techniken wirklich verstanden hat. Und das Verständnis kann sich nur einstellen, wenn auf viele Kleinigkeiten Acht gegeben wird. Dazu gehört es auch immer und immer wieder, zu den einfachsten Grundlagen zurückzukehren und am Stand, am einfachen Schlag usw. zu schleifen.

Häufig ist es noch nicht einmal förderlich, eine „Bewegungsform“ zu schnell zu lernen. Oft ist man dann mit den Gedanken bei dem Gesamtablauf und trainiert eher Ausdauer, als dass man die einzelnen Bewegungen (die Bilder) richtig versteht.

Ein bisschen ist es so wie beim Erlernen eines Musikstücks: Lerne ich es so, dass ich es durchspielen kann und schaue mir danach die Feinheiten an, oder lerne ich lieber erst die Feinheiten im Tonerzeugen, den Tonleitern und der Intonation und lerne im Anschluss dann das Stück gleich mit allen Details? Die Erfahrung über Generationen hinweg hat in traditionellen Schulen jedoch gezeigt, dass der zweite Weg der bessere ist. Nach dem Motto: „Eine Technik die du gemeistert hast schlägt tausend Techniken, die du nur halb beherrschst.“ Er verlangt von den Lernenden aber auch mehr Ausdauer, Durchhaltevermögen und wiederum Demut (im Sinne von „nicht zu gierig sein“).

Dr. Li Lee achtet bei jeder Technik darauf, dass man auch versteht, welcher Sinn darin liegt. Vielleicht kommt am Anfang dieser Aspekt etwas wenig zum Tragen, da man im Anfängerstadium (auch wenn man das selbst nicht wahrnehmen kann) an anderen Baustellen zu arbeiten hat (stabiler Stand, Ausdauer, Körperstruktur uvm.). Hier lohnt es sich (meiner Erfahrung nach), dem Lehrer Vertrauen zuzusprechen und erst einmal die Dinge zu lernen, die er für wichtig erachtet.
Im Endeffekt erhält man dadurch viel mehr Expertise, als wenn man 20 Formen sammelt und keine der darin enthaltenen Techniken anwenden kann. Zwar kann man heute sich und sein Können mit langen Solo-Formen besser verkaufen als mit kurzen Einzelübungen. Aber warum wendet man dann viel Zeit auf, um Solo-Formen zu lernen - und in der Anwendung dann doch wieder „nur“ zu boxen oder zu raufen?

Oft sieht man im Fernsehen Zweikämpfe, wo beide Kontrahenten angeben, diesen oder jenen Stil zu beherrschen. Wenn sie dann aber in Aktion sind, gibt es jedes Mal wieder die dauernd wiederkehrenden Techniken: Haken, Umklammern, Schwitzkasten usw. Nur selten sieht man am Anfang einige „echte stilauthentische Techniken“. Im Endeffekt würde ich sagen, dass es verschwendete Zeit ist, sein Leben lang einen traditionellen Kampfstil zu trainieren und dann in der Anwendungssituation auf Techniken zurückzugreifen, die an Kickboxen und Ringen erinnern. Nichts gegen Kickboxen und Ringen, nur: warum hat man denn nicht gleich damit angefangen, diese Stile zu lernen...?

Wer sich die Zeit nimmt und langsamere Schritte macht, kann diese dafür später besser gehen und verstehen. Dazu gehört aber auch, ein bisschen vom Drängen abzukommen. Es ist im Endeffekt nicht wichtig, ob man die Form vollständig gesehen hat oder nicht. Wenn man die ersten Jahre gut trainiert, kann man die Bewegungsabfolgen sowieso im Nu aufnehmen und reproduzieren. Bevor man aber nicht die einzelnen Techniken verstanden hat, bringt einem eine Solo-Form wenig.

Am Ende beinahltet das traditionelle Training ganz nebenbei durch diese Prinzipien auch eine moralische Ausbildung, ohne dass es expliziten Ethikunterricht geben würde.
„Wu Shu is a lifestyle and a life study!“, d.h. Wu Shu ist sowohl eine Lebensart, geprägt von schweißtreibenden Training, ausdauerndem Lernen und einer bestimmten Umgangsform an die Welt. Wu Shu ist aber auch durch diese Bereiche eine Form der Selbsterkenntnis. Man lernt seine eigenen körperlichen, aber auch charakterlichen Grenzen kennen, an denen man aufgeben möchte, sich nicht selbst organisieren und strukturieren will oder einfach von sich selbst zu eingenommen ist. Das implizite Ziel des Trainings ist somit ein ganzheitliches, d.h. ein körperlich, geistig und charakterlich ausgebildeter Mensch zu werden, der die Erkenntnisse aus dem Training als Gewohnheiten mit in jeden Lebensbereich übertragen kann und zurückhaltend, höflich und fleißig ist.

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